Die Headquarters of Crocodiles sind sanft entschlafen. Neue Beiträge wird es hier nicht mehr geben, die E-Mail-Adressen von Subscribern bei Feedburner werde ich löschen, die Kommentarfunktion des Blogs einschränken.
Ein Jahr lang bei einem Gratis-Host unter Pseudonym zu schreiben war eine gute Testphase für zukünftige Web-2.0-Projekte, momentan arbeite ich an einem neuen Blog in einer eigenen Domain. Um die Anonymität der Headquarters weiter zu wahren, werde ich dessen Namen hier nicht verraten. Wer aber Interesse daran hat, kann gerne eine Anfrage an learnmore.disa[at]gmail.com schicken. Dann überlege ich mir das.
Zum Abschied und thematisch passend: ein verzweifelter Schrei nach Disziplin von Genesis P-Orridge.
Throbbing Gristle - Discipline
Donnerstag, 17. Juli 2008
Tschau
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Learnmore Disa
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Labels: Betroffenheitslyrik, HQ News
Dienstag, 29. April 2008
Die Wüste lebt
Foto: Pere Tubert Juhé/Flickr
Die 1,5-Liter-Plastikflasche von Volvic, Evian, Vittel gehört zur Überlebensausrüstung des Einzelkämpfers in der Großstadt. Die Flasche steht neben dem Mac des Freelancers im Designbüro, sie ragt aus Umhängetaschen, steckt in Rucksäcken, den übergroßen Taschen von Carhartt-Jacken. Schnell in der U-Bahn einen Schluck. Das Trinken aus der Flasche bedeutet hier keinen Stilbruch – 1,5 Liter täglich sind das Minimum fürs Überleben. Beim Überleben fragt keiner, wie es aussieht. Aber manchmal wirkt die knappe, funktionale Geste des Überlebenden schon stylish.
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Learnmore Disa
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Labels: nacktes Leben, Radical Chic
Freitag, 25. April 2008
Schönheitsstudio für eine Leiche. Teil 1
Der Tod ist ein Dandy
Der französische Historiker Philippe Ariès berichtet in seiner umfangreichen "Geschichte des Todes" folgende Verfügung, die der Marquis Maurice d'Urre d'Aubais, gestorben im Alter von 70 Jahren am 21. Mai 1927, in seinem Testament festgehalten hatte.
Nach meinem Tod wünsche ich, in einem Sessel unter einem gläsernen Reliquienschrein zu sitzen. Dieser Reliquienschrein muss mit Blick auf das Meer aufgestellt werden, an einem öffentlichen, ständig erhellten Platz in der Nachbarschaft eines Leuchtturms und einer Funk- und Telegrafenstation.
Dieser Gefallen wurde dem reichen Exzentriker, der sein Vermögen dem französischen Staat vermachte, nicht getan. "In der Tat hat man seinen Sarg - und nicht seine sichtbare Mumie - in einem Zimmer seines Schlosses, das in eine Art von erleuchtetem Katafalk umgestaltet war, aufgestellt", schreibt Ariès über den weiteren Verbleib der Leiche.
Ob der Marquis, wenn es die technischen Möglichkeiten zu seiner Zeit schon gegeben hätte, die Nachbarschaft eines Fernsehstudios bevorzugt hätte, ist fraglich. Der Ort, den er für die Ausstellung seiner sterblichen Überreste ausgesucht hatte, war vermutlich ein exklusiver: als Lichtreflektion auf dem Glas des Schreins aus der Ferne, etwa von einem Schiff aus, gerade noch zu erkennen. Und man stelle sich vor, es hätte tatsächlich eine Funkverbindung gegeben zu diesem exponierten Rückzugsort für die Ewigkeit: Der Person am anderen Apparat wäre nichts weiter zu Ohren gekommen als das Rauschen des Meeres.
Pst! Hier wird gestorben
Heute, mehr als 80 Jahre nach dem Tod des Marquis, ist es wieder eine Art Reliquienschrein, an dem sich das Licht bricht, obwohl auch er kaum mehr ist als ein Hirngespinst. Nahe bei ihm überkreuzen sich die Nachrichtenströme, und ein mediales Geräusch umfängt ihn auf allen Kanälen. Nur das Miteinander von totaler Sichtbarkeit und endloser Einsamkeit gelingt in der Tele-Gesellschaft viel eindrucksvoller.
Die Rede ist von dem Vorhaben Gregor Schneiders, einen Sterbenden oder einen Leichnam ins Museum zu bringen. Aus humanitären Gründen, wie der deutsche Künstler betonte, nachdem sich die ersten Erregungswellen durch die Feuilletons und Boulevardblätter ausgebreitet hatten.
Im Interview der "Westdeutschen Zeitung" erläutert Schneider seine Motive:
Der Tod ist ein privater und intimer Vorgang, der meistens nicht schön ist. Ich würde gern in einem von mir ausgewählten Raum, einem privaten Bereich des Museums, sterben, umgeben mit Kunst. Meine Hoffnung ist es, schön, erfüllt zu sterben. Vielleicht schaffen wir das alle, wenn wir den Tod aus der Tabuzone befreien und zu einem positiven Erlebnis machen wie die Geburt eines Kindes.
Probe liegen soll für diese finale Performance aber erst mal jemand anders. Einen Kandidaten für diesen makabren Beautysalon habe der "Todeskünstler", wie es bei "Welt Online" heißt, bereits gefunden.
Der Tod steht ihr gut
Todeskitsch im Zeitraffer. Offensichtlich wurde das Filmmaterial geschnitten. Vom Bundesamt für Tabuisierung des Todes?
Ein Leichenschmaus für Debattenjockeys
Natürlich kann Gregor Schneider, wenn er eine "Debatte anstoßen" ("taz") möchte, auf das Zauberwort "Tabu" nicht verzichten. Die Bemerkung, der Tod sei in den westlichen Gesellschaften tabuisiert, verdrängt, unterdrückt, was auch immer, gehört schließlich zum gängigen Blabla von Leuten, die irgendwelche Scheußlichkeiten als gesellschaftlich relevant verkaufen wollen.
Der Mechanismus des ganzens Vorgangs, der Erregungsproduktion wie der darauffolgenden Kritik daran, ist bekannt: Stets, wenn mit anklagendem Ton irgendein gesellschaftliches Tabu behauptet wird, findet sich jemand, oft der Sprecher dieser Behauptung selbst, der dann mit Emphase dieses angebliche Tabu bricht. Heraus kommt dann dabei meist etwas extrem Kurzsichtiges, oft Ärgerliches, mitunter Reaktionäres.
Und hat der Tabubrecher erst irgendein Megafon in Funk und Fernsehen gefunden, mit dem er in Welt hinausbrüllt, dass er hier tut, was er eigentlich gar nicht darf, springt genauso todsicher ein ebenfalls ritualisierter Vorgang der Datenverarbeitung in den Redaktionen an, der sein Tun "schonungslos kritisiert". Ein paar Hinterbänkler in den Parlamenten gibt es zudem immer, die sich sogleich aufgeregt zu Wort melden. Deren Statements im Namen des politisch-moralischen Subjekts lassen dann sich für Pressemitteilungen im Stundentakt verbraten.
Als nächster Schritt in der medialen Verwertungskette kommt zwangsläufig die Meta-Kritik. Der Tabubruch sei gar keiner, analysieren dann die reflektierteren Schreiber - nicht selten auf den Seiten jener Zeitungen, die tags zuvor noch "Skandal!" geschrien hatten.
Wenn sich alle Beteiligten schön an diese Spielregeln halten, bringen sie vielleicht auch das zustande, was ihnen samt und sonders nutzt: eine sogenannte Feuilleton-Debatte.
Teil 2 von "Schönheitsstudio für eine Leiche" gibt es demnächst in den Headquarters of Crocodiles.
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Learnmore Disa
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Labels: Faces of Death, Gregor Schneider, Kunst, Mediascape
Dienstag, 15. April 2008
Ich Opfer
Am vorigen Samstagabend bekam ich einen Stein an den Kopf. Aus heiterem Himmel, wie man so sagt. Ich stieg die Treppe von der U-Bahn-Linie U2 zum Alexanderplatz hoch, plötzlich hörte ich und fühlte ich: ein knackendes Geräusch. Auf einer Stufe lag dann das Wurfgeschoss, etwas größer als eine Kastanie. Keine Sorge: Eine dicke Mütze schützte mich vor dem, was ohne Kopfbedeckung mindestens eine Beule geworden wäre.
"Voll krass, Alter", hätte dazu wohl einer der Jugendlichen aus der vielköpfigen Gruppe gesagt, aus der sehr wahrscheinlich der Steinwurf kam. Sie hatten sich hinter der Mauer, die den U-Bahn-Zugang umgibt, positioniert und waren voll im Saturday Night Fever, lachten, schubsten sich herum.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mit einer Zigarette im Mund postierte ich mich vor dem Eingang des Saturn-Elektronikmarktes, nahe der U-Bahn, von wo aus ich die Truppe im Auge hatte. Dort ging ich auf und ab, als würde ich auf jemand warten. Dabei musterte ich sie. Natürlich sahen sie so aus wie auf dem Fahndungsplakat der "Holzklotz-Werfer" (also wie jeder Zweite in irgendeiner Fußgängerzone oder Shoppingmall).
Ich spürte Hass in mir hochkriechen.
Was ich fürchtete, blieb aber aus: mit den Blicken derer konfrontiert zu werden, die mich als Opfer ihres "Spaßes" auserkoren hatten. Niemand beachtete mich. Es war kein gezielter Angriff gewesen, die Truppe war mit sich selbst beschäftigt, wahrscheinlich hatte einer der Spaßvögel aus Übermut den Stein über die Mauer geworfen. Ihr Fun, mein verdorbener Abend: So lautet hier das Gesetz der Straße.
Was mir durch den Kopf ging: Videoüberwachung, Ausgangssperre, Ethikunterricht, Strafrechtreform, die ganzen Zutaten, mit denen das Thema in letzter Zeit heiß gekocht wurde.
Ich betrachte es als Beeinträchtigung meiner Lebensqualität, mich mit solchen Dingen gedanklich beschäftigen zu müssen. Am Ende geifert man mit "Bild" und "B. Z." gegen die Resozialisierung von Problemjugendlichen im Mittelmeerklima.
So jemand will man nicht sein.
Dennoch: Man muss nicht von der Stimmungsmache in der Presse angesteckt sein, um den gruppeninternen Konformitätsdruck, das Gepose, den Wettkampf um Aufmerksamkeit, den feigen Mut desjenigen, der sich von Kumpels umgeben fühlt, all das, was solchen beiläufigen Angriffen gegen Fremde zugrunde liegt, als abstoßend zu empfinden.
Hass jedoch ist schlecht für die geistige Gesundheit. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Schlimmes war nicht passiert. Ich fuhr nach Hause.
An der Stelle meines Kopfes, wo eine Beule sein sollte, wächst seitdem – aus einem Phantomschmerz heraus – eine Art Cronenberg-Schnittstelle, ein Bioport, eine somatische Direktverbindung zwischen meinem Körper und dem, was im Fernsehen läuft und sonstwo an News präsentiert wird. Die gefährlichen Jugendlichen, die besorgten Pädagogen, der Mann von der Straße, die abwesenden Eltern, die TV-Moderatorin, der Law-and-Order-Politiker, der Leitartikelschreiber, die ratlosen Lehrer, das Kamerateam, ziemlich viel Personal, am Durchgang zu meinem medial aufgebrochenen Schädel herrscht Gedränge.
Interviews gibt es nur noch bei Voranmeldung.
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Learnmore Disa
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Labels: Berlin, Betroffenheitslyrik, Jugendkultur, Mediascape, Wound Culture
Montag, 14. April 2008
New kid on the block
Wir begrüßen einen Neuzugang bei Blogspot: Mo Kidding, Buchautorin, Journalistin, begnadete Tänzerin, Noch-Charlottenburgerin und eine geschätzte Freundin. Dazu die einzige Person, der wir durchgehen lassen, dass sich auf ihren Mix-CDs Caterina Valente und MC5 einander auf die Füße treten.
Das Web 2.0 ist aber nichts Neues für die Dame. Als Anlaufstelle für die Hundertschaften der Sixties-Retro-, Garage-Rock-, Northern-Soul- Anhänger im Netz (und als ihre Archivarin) hat Mo Kidding mit ihrer MySpace-Seite Unerhörtes geleistet. Jedes Foto, das in den 60er-Jahren geschossen wurde, wurde mindestens einmal durch ihren Kommentarteil gejagt.
Wir sind gespannt, was sich Mo Kidding für ihren ersten richtigen Blog einfallen lässt. Was wir gerne bald lesen würden: die schonungslose Hintergrundstory zu "I Was A MySpace Wonder Girl".
(Foto: © Mo Kidding)
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Learnmore Disa
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Samstag, 5. April 2008
Sie ist ein Model und sie sieht gut aus
Ein faszinierendes Spielzeug für Computernerds, die sonst zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Abgeschaut von Basic Thinking. Möglich macht das eine Software namens MotionPortrait.
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Learnmore Disa
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Labels: Computerwelt
Mittwoch, 2. April 2008
Bloggen ohne Milch und Zucker
Intimitätsterror pur: Pornostar Dana DeArmond bestückt YouTube mit Katzenvideos.
Fotosafari im Eigenheim
Ich muss etwas gestehen: Ich bin relativ neu im Netz. Es ist noch nicht so lange her, dass ich über eine raketenschnelle Internetverbindung verfüge. Und Web 2.0 war noch zu Beginn des vorigen Jahres ein Wort, über das ich im Feuilleton gestolpert bin. Und das mich rasch weiterblättern ließ.
Was für Veteranen der Szene zum Alltag gehört, RSS-Feeds, embedded objects und überhaupt die Struktur eines Blogs, musste ich mir mühsam selbst beibringen. Auch der Jargon war mir fremd, zum Beispiel der Ausdruck "Katzencontent". Wer es noch nicht weiß: Dieser Fachbegriff steht für Überflüssiges. Er leitet sich von dem nicht so falschen Eindruck ab, dass die Mehrheit der Stubenhocker, die Videos oder Fotos ins Netz stellen, den ganzen Tag lang Peterle und Schnurri mit einem riesigen Arsenal an Aufzeichnungstechnologie hinterherhetzen – um dann von übellaunigen Kommentarschreibern der Tierquälerei bezichtigt zu werden.
Kein Schmusekurs
Solcherlei Getue ist für ernsthafte Blogger, die gerne mal den Nahost-Konflikt in einem Nebensatz lösen, schonungslos die Bush-Regierung kritisieren, indem sie ein paar paranoide Artikel verlinken, oder, andersherum, auf knallharten "liberal hawk" machen, indem sie Betriebsunfälle der amerikanischen Demokratie wie Ronald Reagan zu Freiheitshelden stilisieren, natürlich nur Paddeln in seichtem Gewässer.
Fazit: Ein Blog ohne Katzencontent ist so etwas wie Kaffee ohne Milch und Zucker oder House ohne Vocals, also eine Sache für echte Männer.
Bei so viel Machotum bleiben Gegenreaktionen nicht aus. Der Vorwurf, Vocals und ähnliches Disco-Tschingderassa seien in der elektronischen Musik so überflüssig wie die Handtaschen, die aufgebrezelte junge Damen aus den Vorstädten auf dem Dancefloor abstellen, um um sie herum zu tanzen, reizte Musikproduzenten in den frühen 90ern dazu, gerade diese Stilelemente zu betonen. Ihnen ging der Purismus auf die Nerven, das Schandmal "Handbag House" trugen sie mit Stolz auf die eigene, sogenannte Oberflächlichkeit – zum nachhaltigen Schrecken der Kapuzenpullifraktion in der Technoszene.
Der Killer in deinem Bett
Ähnlich gehen einige Blogger mit Katzencontent in die Offensive. Besonders gnadenlos war der mittlerweile pausierende Blog What Jeff Killed. "To humans, Jeff is an exceptionally good-tempered and friendly cat; to rodents and other small animals, he is death itself", stand da als Einführung zu lesen. Und was die pelzige Killermaschine erlegte, wurde mit Fotos dokumentiert (die man noch ansehen kann). Vorsicht bei flauem Magen!
Auf eine andere Weise over the top sind die Videos von Dana DeArmond (YouTube-Profil), die die amerikanische Sexfilm-Darstellerin beim Schmusen mit Kater Heinrich im Bett aufnimmt. Hier nimmt die dem Betrachter zugemutete Intimität wirklich pornografische Ausmaße an.
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Learnmore Disa
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Labels: Betroffenheitslyrik, Blogger, Intimitätsterror, Katzencontent
Donnerstag, 27. März 2008
Berlin-Alamo: Was macht eigentlich der Underground?
Eins Zwischen den Treppenaufgängen zum U-Bahnhof Eberswalderstraße proklamiert ein hochgewachsener Punk mit erregter Stimme: "Katzen sind Anarchisten, die kann man nicht erziehen." Dabei zerrt er seinen Hund an der Leine immer wieder zu sich. Seine einzige Zuhörerin, eine gebrechlich wirkende, alte Dame, zuckt unter den Worten zusammen. Sie entgegnet nichts, sie stützt sich auf einen Rollwagen.
Zwei Eine dick in grobe Strickware eingewickelte junge Deutsche betritt einen von Türken geführten Falafelladen in der Prenzlauer Allee. An der Tür hält sie kurz inne und sagt mit klarer Stimme: "Salam Aleikum." Der Mann hinter der Theke wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht und wartet regungslos auf die Bestellung. Es ist nach Mitternacht, er steht schon seit Vormittag dort.
Drei Im China-Imbiss beim S-Bahnhof Prenzlauer Allee versucht ein schlacksiger Mann den Verkäufer in ein Gespräch über den Kommunismus zu verwickeln. Der erträgt es mit stummen Nicken und verpackt derweil die Glutamat-gesättigte Pampe in Alufolie und Plastik. Der Aktivist besteht darauf, sich mit Händeschütteln zu verabschieden.
Vier Ein Althippie mit langen Dreads monologisiert lauthals im S-Bahnwagen Richtung Schönhauser Allee. Zuerst verspricht er den Fahrgästen, in LSD-Träumen auf sie zu warten, dann wettert er gegen schöne Frauen, die nur auf Geld aus seien. Gegen die müssten sich die Männer verbünden.
Fünf Wütende Schreie nach Mitternacht auf der Danziger Straße: "Zunge rausreißen, Gedärme rausschneiden". Der kleine Mann, der hier tobt, trägt einen schwarzen Kapuzen-Sweater. Der gigantische Koffer neben ihm reicht fast bis zu seiner Brust. Der Grund für seinen Ärger: Taxi um Taxi fährt vorbei, ohne zu halten. Das Schreien erhöht seine Chancen auf Beförderung nicht.
Sechs Eine Frau mit Dreads sitzt an der Straßenbahnhaltestelle Danziger Straße in einem massiven Opalehnsessel. Sie spricht die aussteigenden Fahrgäste an, die an ihr vorbeidrängen. Sie will kein Geld, sie bittet um einen Kaugummi. Kann sie haben.
t.b.a. Im Solarium Ecke Kollwitz-/Danziger Straße läuft Leonard Cohen. Die blonde Frau mit dem offenen Gesicht hinter der Ladentheke sagt, seine Stimme sei so beruhigend. Auf die Texte dürfe man allerdings nicht achten. In der Kabine verliert sich der traurige, schleppende Gesang im Brummen der Röhren.
"Berlin-Alamo": Diese Blog-Serie ist eine Nachhut der Gentrification, so politisch wie das Gefühl des Betrogen-worden-Seins nach dem Besuch eines Blockbusters im Multiplex. "Vietnam Vietnam, we've all been there", so endet "Dispatches" von Michael Herr, und das steht auch am Anfang von "Berlin-Alamo". Wie albern. Der Titel ist geklaut: von einem Super-8-Film von Knut Hoffmeister von 1979, der wiederum den Sound des Durchhaltedramas mit John Wayne geklaut hat. Darin: West-Berlin, Neon-Dschungel, Kippenberger mixt einen Drink, Polizisten vor dem "Pressecafé" am Bahnhof Zoo, Straßenkampf und Currywurst. Voriges Posting: "Ein Fall von Besessenheit".
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Learnmore Disa
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Mittwoch, 26. März 2008
Die frohe Botschaft: Kirchenkritiker konserviert für die Ewigkeit
Es sollte eine mathematische Formel geben, mit der man ermitteln kann, in welchen Rhythmen bestimmte Themen zum "Spiegel"-Titel werden: Hitler, Heuschrecken, Weltuntergang, der böse Ami, Generation soundso. Nichts zum Vorausberechnen gibt es aber, wenn christliche Feste anstehen, dann richtet sich das "Sturmgeschütz der Demokratie" verlässlich auf Jesus, Paulus und Co.
Die vergangene Osterausgabe des "Spiegel" titelte "Als Jesus noch ein Guru war", Verfasser ist Matthias Schulz, der sich 2006 mit seinem Weihnachtskracher "Das Testament des Pharao" (pdf) über die Entstehung des Monotheismus und das Gewaltpotenzial der jüdischen Religion gehörig in den Dornenstrauch gesetzt hatte. Von Antijudaismus bis Antisemitismus gingen damals die Vorwürfe.
Den Headquarters of Crocodiles kam nun aus Medien-Insiderkreisen zu Ohren, dass Rudolf Augstein immer noch den Ton angibt, wenn turnusmäßig die Urchristen beim Hamburger Nachrichtenmagazin ans Kreuz der Kritik geschlagen werden.
Eingefroren wie der Raumschiff-Kommandant in John Carpenters Low-Budget-Späßchen "Dark Star" (Trailer) liegt der "Spiegel"-Gründer in einem geheimen Trakt des "Spiegel"-Gebäudes tief unter der Erde. Wenn das Thema ansteht, muss ein leitender Redakteur sich dorthin begeben, durch endlose, von flackerndem Neonlicht beleuchtete Gänge schreiten und durch unzählige Schleusen steigen, bis er beim Kühlraum angelangt ist, Augsteins Bereitschaftszimmer für die Ewigkeit.
Nach der Eingabe eines Zahlencodes öffnet sich eine Klappe in der Wand, und Augsteins weißblau gefrorenes Gesicht kommt zum Vorschein. Unter den Eiskristallen regt sich nichts, aber über einen Lautsprecher kann der Redakteur zunächst ein Knistern vernehmen und später eine metallisch klingende, krächzende Stimme: "Es ist so kalt hier, so entsetzlich kalt ..."
Der Redakteur, der die Klagelaute nicht zum ersten Mal hört, unterbricht bald den Sermon: "Ja, schon klar, Herr Augstein, was mich aber auch interessieren würde: Nehmen Sie einmal an, Sie wären noch am Leben, was würde Ihnen dann für eine Jesus-Titelgeschichte einfallen?"
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Learnmore Disa
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Labels: Der Spiegel, Mediascape, Religion


