Der Internet-Aktivismus gegen das burmesische Militärregime hat nun ein öffentliches Gesicht. Nach Beiträgen von BBC und CNN haben auch die deutschen Medien von "Süddeutsche Zeitung" bis ZDF Ko Htike entdeckt, einen in London lebenden Burmesen, der seinen Literatur-Blog in eine Plattform für Berichte, Fotos und Videos von der Protestbewegung und dem staatlichen Terror gegen sie verwandelt hat.
"One man and a laptop fighting to change a nation" (CNN-Bericht): Blog-Aktivist Ko Htike in seiner Londoner Wohnung.
In der vergangenen Woche hat sich auch die europäische Blogger-Szene ausgehend von einer italienischen Initiative zusammengerauft, um die Protestbewegung in Burma zu unterstützen. Dazu gab es eine Vielzahl von Vorschlägen. Eine "Schweigeminute", das heißt, ein Tag ganz ohne Posting, wurde diskutiert, dann aber verworfen, weil das außerhalb der Szene niemand so richtig mitbekommen hätte. Und auch der Vorschlag, jeder solidarische Blog-Betreiber sollte doch am verabredeten Tag einen Beitrag zu Burma ins Netz stellen, hat sich nicht durchgesetzt. Vielleicht weil die Befürchtung im Raum stand, es würde "sehr viel Krudes dabei rauskommen", wie es Blogger Soeren Onez in einem Kommentar auf Basic Thinking ausdrückt.
Sehr viel Vertrauen in den politischen Durchblick der Web-2.0-Szene scheint nicht vorhanden zu sein. Was nicht verwundert – angesichts einer politisch-moralischen und intellektuellen Verwahrlosung im Internet, die den Begriff "Wahrheit" gleichbedeutend mit gefährlichem Nonsens à la "9/11 was an inside job" von Verschwörungstheoretikern gemacht hat.
Mittlerweile steht so etwas wie ein narrensicherer Fahrplan, nach dem man sich als Unterstützer einfach richten kann. Auf der eigens eingerichteten "Free Burma"-Website heißt es dazu in einem Aufruf:
Blogger aus aller Welt bereiten einen Aktionstag zur Unterstützung der friedlichen Revolution in Burma vor. Wir wollen ein Zeichen für den Frieden setzen und den Menschen, die ihr grausames Regime ohne Waffen bekämpfen, unsere Sympathie bekunden. Diese Blogger haben vor, am 4. Oktober 2007 ihre normalen Blog-Aktivitäten einzustellen, um nur einen einzigen Artikel zu veröffentlichen: Ein rotes Banner mit dem Text "Free Burma!"
Wer an der Aktion teilnehmen möchte, kann also sein Blog auf einer Liste eintragen und dann auf dieser Website oder aus einem Flickr-Pool ein passendes, in karminroten Farbtönen gehaltenes Bild heraussuchen, das er dann am Donnerstag ins Netz stellt. Es stehen für die unterschiedlichen Geschmäcker jede Menge Designs zur Auswahl, von stylish über verspielt bis mönchisch.
Demonstrierende Mönche in Rangun am 24. September, vor dem Eingreifen des Militärregimes (Fotocredit: Racoles).
Mit nichts außer ein paar Klicks ist man also dabei am internationalen Aktionstag. Und daran entzündet sich auch die Kritik in verschiendenen Foren. Von "Mitläufertum" ist da die Rede, und davon, dass sich auf einmal Leute für eine "gute Sache" starkmachen, die vor der Medienberichterstattung über die Proteste den Staat Burma auf der Weltkarte wahrscheinlich südöstlich von Entenhausen gesucht hätten. Also wieder einmal politische Betätigung aus dem Kaugummiautomaten: mit wenig Mühe und ohne Risiko zu bewältigen und, weil das Freund-Feind-Schema anscheinend so klar erkennbar ist, mit einem hohen Wohlfühlfaktor verbunden.
Das alles ist berechtigte Kritik. Doch was ist nun der Standpunkt der Headquarters zu der Aktion?
Auch für uns standen einige Fragen im Raum. Die naheliegende: Wissen wir überhaupt, was in dem Land wirklich los ist? Und: Wie viel Sympathie und Hoffnung haben wir für eine Protestbewegung, die von Mönchen getragen wird? Buddhistische Mönche sind ja everybody's darling hierzulande, schon weil autoritäre Strukturen gut bei westlichen Sinnsuchern ankommen, wenn diese nur schön spirituell und mit Armutsgelöbnis daherkommen. Ein korruptes Militärregime durch eine Mönchsrepublik zu ersetzen halten wir nicht für die Ideallösung. Zumindest haben die Mönche von Anfang an die politische Führungsrolle der Regimegegnerin Aung San Suu Kyi in der Oppositionsbewegung betont. Das sagte jedenfalls der Schriftsteller Amitav Ghosh in einem Interview der FAZ.
Eine weitere für uns wichtige Frage: Mit wem setzen wir uns eigentlich ins Boot, wenn wir am Aktionstag teilnehmen? Dass ein Free-Burma-Blogger wie Spiegelfechter auf seiner Seite ständig aktualisierte Informationen zur Lage im Land veröffentlicht, ist sehr lobenswert. Ansonsten sind dort politische Aussagen und Buchtipps zu lesen, die bei uns eher Grusel- denn Wohlgefühle auslösen.
Letzlich sind wir also bei den üblichen Bedenken angelangt, die immer dann aufkommen, wenn man sich überlegt, ob man auf eine Demonstration geht, an der sich Gruppierungen aus einem größeren politischen Spektrum beteiligen.
Dennoch werden sich die Headquarters of Crocodiles an der Free-Burma-Aktion am kommenden Donnerstag beteiligen.
Auch die Regierung hält sich ans Rot: Aufforderung ans burmesische Militär, offiziell "Tatmadaw" genannt, und an regimetreue Kräfte, die Proteste niederzuschlagen (Fotocredit: Racoles).
Auf eine säkulare Revolution in einem Land wie Burma zu hoffen, die dem eigenen politischen Reinheitsgebot entspricht, scheint uns auf alle Fälle erst mal vergebene Mühe zu sein. Und ohne die massive Beteiligung der Mönche wären die Proteste vermutlich schon von Anfang an im Keim erstickt worden.
Was jetzt zählt, ist die beste Form der "Fernstenliebe", nämlich Solidarität mit Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens gegen ein unerträgliches Regime aufbegehren. Um die sollte es in erster Linie gehen – die Debatte über die richtige politische Positionierung zum Konflikt ist dabei nicht unwichtig, sollte aber in der jetzigen Situation, wo das Regime mit Terror und Kommunikationssperre am Zug ist, hintangestellt werden.
Uns ist dabei klar, dass kein Pixel auf einer westlichen Website irgendeinen burmesischen Soldaten, der seine Befehle, aber wahrscheinlich nicht mal einen Internetanschluss hat, davon abhalten wird, in eine Menschenmenge zu feuern.
Aber Leute wie Ko Htike und die vielen nicht in den Medien genannten Aktivisten, die Informationen aus dem Land herausschmuggeln, werden hoffentlich dafür sorgen, dass die Kanäle auch umgekehrt funktionieren – damit die Leute in Rangun und sonstwo in Burma, die vom Internet abgeschnitten sind, mitbekommen, wie sehr ihr politischer Kampf außerhalb der Landesgrenzen Interesse und Sympathie findet. Ein Ausdruck wie "Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit" ist im Westen längst zu einem Schlagwort für sinn- und folgenloses Blabla und Betroffenheitslyrik geworden. Wer aber selbst in einem dieser Folterstaaten wie Burma ausharren muss, verbindet vielleicht andere, hoffnungsvollere Assoziationen damit.



2 Kommentare:
ich finde es richtig und wichtig, an solchen aktionen teilzunehmen.
in diesem sinne unterstütze ich die entscheidung des headquarters.
es ist auch löblich, kritisch zu betrachten, wen oder was man unterstützt.die kritik in form eines "mitläufertums" finde ich jedoch lächerlich.
wenn nur noch menschen, die total hintergrundinformiert sind, unkritisiert meinungen äussern dürfen, könnten z.b. wahlen nur nach einem wissenstest abgehalten werden.
denn weitaus mehr menschen ohne ahnung als mit wählen regierungsparteien.
warum sollten sie sich nicht für einen unbewaffneten widerstand gege n eine militärdiktatur einsetzen?
es gibt aktionen, bei denen perfekter authentizismus fehl am platz ist. denn es zählt am ende nur die masse an menschen, die sich dafür einsetzt.
dass zuviel nachdenken über den sinn einer sache oft zu einer vollkommenen handlungslähmung führt, ist ja auch ein bekanntes phänomen. deswegen lieber einmal öfter bei einer evetuell zweifelhaften aktion dabeisein, als in grüblerische erstarrung zu versinken.
viel erfolg beim klicken!
ihre m.
Guter Artikel! Viele der Bedenken haben mich auch beschäftigt (habe in den letzten Tagen drei Posts zum Thema Burma veröffentlicht).
Trotzdem habe auch ich mich zum Mitmachen bei der Aktion "Free Burma" entschlossen, denn ich finde, das Positive daran überwiegt!
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