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Sonntag, 3. Februar 2008

Berlin-Alamo: Ein Fall von Besessenheit

Ein unangenehmes Geräusch kriecht durch das Rattern der Tram der Linie M 10. Rüdiger auf dem Sitzplatz neben mir zerkratzt mit den brüchigen Fingernägeln seiner linken Hand die fleckige Haut seiner rechten. Danach umgekehrt.

Dass er Rüdiger heißt, konnte ich mit einem Blick auf den Behördenbrief erhaschen, der auf seinem Schoß liegt. Rüdigers Hände krabbeln wie aufgescheuchte Tierchen auf ihm herum. Wo sie auf Haut stoßen, krallen sie sich fest und beginnen zu schaben. Am Kopf angekommen, widmet sich seine rechte Hand der Frisur. Rhythmisch fährt sie durch sein gegeltes, schulterlanges Haar. Von dort wandert die Hand weiter zum Gesicht, das sie in einer unkoordinierten Massage zu einer Grimasse modelliert.

Zwischendurch wirft Rüdiger verstohlene Blicke in alle Richtungen, wie um zu sehen, ob sein Verhalten auffällt. Ich rutsche auf meinem Platz hin und her. Wie eine Marionette hänge ich an seinen fuchtelnden Händen. Um mich abzulenken, starre ich auf die Fensterscheibe neben uns. Das ist aber keine gute Idee. Denn dort ist Rüdigers Spiegelbild zu sehen. Wenn ich ihn dort sehen kann, kann auch er mich sehen. Ich möchte aber nicht, dass er sich beobachtet fühlt, ich möchte ihn nicht reizen.

An der Haltestelle Winsstraße steigt Rüdiger aus. Zwanzig Minuten Martyrium sind vorbei. Kurz darauf vibriert mein Handy in der Jackentasche. Ich versuche hineinzugreifen und das Ding herauszufischen. Es geling mir nicht – meine Hände zittern. Rüdiger ist gar nicht fort, er ist in mich hineingeschlüpft, er hat sich meine Hände wie Handschuhe übergestreift. Ein Packen Notizzettel, den ich anstelle des Handys ergriffen habe, rieselt zu Boden. Die Frau, die Rüdigers Platz eingenommen hat, sieht mich seltsam von der Seite an. Dann rückt sie von mir ab.

"Berlin-Alamo": Diese Blog-Serie ist eine Ästhetisierung des Unbehagens, eine bedingungslose Kapitulation, so politisch wie das Gefühl des Betrogen-worden-Seins nach dem Besuch eines Blockbusters im Multiplex-Kino. Der Titel ist geklaut: von einem Super-8-Film von Knut Hoffmeister von 1979, der wiederum den Sound des Durchhaltedramas mit John Wayne geklaut hat. Darin: West-Berlin, Neon-Dschungel, Martin Kippenberger mixt einen Drink, Polizisten vor dem "Pressecafé" am Bahnhof Zoo, Straßenkampf und Currywurst. In der "taz" hieße die Serie Berliner Szenen und wäre je Beitrag 30 Euro Honorar wert.