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Donnerstag, 17. Juli 2008

Tschau

Die Headquarters of Crocodiles sind sanft entschlafen. Neue Beiträge wird es hier nicht mehr geben, die E-Mail-Adressen von Subscribern bei Feedburner werde ich löschen, die Kommentarfunktion des Blogs einschränken.

Ein Jahr lang bei einem Gratis-Host unter Pseudonym zu schreiben war eine gute Testphase für zukünftige Web-2.0-Projekte, momentan arbeite ich an einem neuen Blog in einer eigenen Domain. Um die Anonymität der Headquarters weiter zu wahren, werde ich dessen Namen hier nicht verraten. Wer aber Interesse daran hat, kann gerne eine Anfrage an learnmore.disa[at]gmail.com schicken. Dann überlege ich mir das.

Zum Abschied und thematisch passend: ein verzweifelter Schrei nach Disziplin von Genesis P-Orridge.

Throbbing Gristle - Discipline


Dienstag, 15. April 2008

Ich Opfer

Am vorigen Samstagabend bekam ich einen Stein an den Kopf. Aus heiterem Himmel, wie man so sagt. Ich stieg die Treppe von der U-Bahn-Linie U2 zum Alexanderplatz hoch, plötzlich hörte ich und fühlte ich: ein knackendes Geräusch. Auf einer Stufe lag dann das Wurfgeschoss, etwas größer als eine Kastanie. Keine Sorge: Eine dicke Mütze schützte mich vor dem, was ohne Kopfbedeckung mindestens eine Beule geworden wäre.

Phantombild"Voll krass, Alter", hätte dazu wohl einer der Jugendlichen aus der vielköpfigen Gruppe gesagt, aus der sehr wahrscheinlich der Steinwurf kam. Sie hatten sich hinter der Mauer, die den U-Bahn-Zugang umgibt, positioniert und waren voll im Saturday Night Fever, lachten, schubsten sich herum.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mit einer Zigarette im Mund postierte ich mich vor dem Eingang des Saturn-Elektronikmarktes, nahe der U-Bahn, von wo aus ich die Truppe im Auge hatte. Dort ging ich auf und ab, als würde ich auf jemand warten. Dabei musterte ich sie. Natürlich sahen sie so aus wie auf dem Fahndungsplakat der "Holzklotz-Werfer" (also wie jeder Zweite in irgendeiner Fußgängerzone oder Shoppingmall).

Ich spürte Hass in mir hochkriechen.

Was ich fürchtete, blieb aber aus: mit den Blicken derer konfrontiert zu werden, die mich als Opfer ihres "Spaßes" auserkoren hatten. Niemand beachtete mich. Es war kein gezielter Angriff gewesen, die Truppe war mit sich selbst beschäftigt, wahrscheinlich hatte einer der Spaßvögel aus Übermut den Stein über die Mauer geworfen. Ihr Fun, mein verdorbener Abend: So lautet hier das Gesetz der Straße.

Was mir durch den Kopf ging: Videoüberwachung, Ausgangssperre, Ethikunterricht, Strafrechtreform, die ganzen Zutaten, mit denen das Thema in letzter Zeit heiß gekocht wurde.

Ich betrachte es als Beeinträchtigung meiner Lebensqualität, mich mit solchen Dingen gedanklich beschäftigen zu müssen. Am Ende geifert man mit "Bild" und "B. Z." gegen die Resozialisierung von Problemjugendlichen im Mittelmeerklima.

So jemand will man nicht sein.

Dennoch: Man muss nicht von der Stimmungsmache in der Presse angesteckt sein, um den gruppeninternen Konformitätsdruck, das Gepose, den Wettkampf um Aufmerksamkeit, den feigen Mut desjenigen, der sich von Kumpels umgeben fühlt, all das, was solchen beiläufigen Angriffen gegen Fremde zugrunde liegt, als abstoßend zu empfinden.

Hass jedoch ist schlecht für die geistige Gesundheit. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Schlimmes war nicht passiert. Ich fuhr nach Hause.

An der Stelle meines Kopfes, wo eine Beule sein sollte, wächst seitdem – aus einem Phantomschmerz heraus – eine Art Cronenberg-Schnittstelle, ein Bioport, eine somatische Direktverbindung zwischen meinem Körper und dem, was im Fernsehen läuft und sonstwo an News präsentiert wird. Die gefährlichen Jugendlichen, die besorgten Pädagogen, der Mann von der Straße, die abwesenden Eltern, die TV-Moderatorin, der Law-and-Order-Politiker, der Leitartikelschreiber, die ratlosen Lehrer, das Kamerateam, ziemlich viel Personal, am Durchgang zu meinem medial aufgebrochenen Schädel herrscht Gedränge.

Interviews gibt es nur noch bei Voranmeldung.

Mittwoch, 2. April 2008

Bloggen ohne Milch und Zucker

Intimitätsterror pur: Pornostar Dana DeArmond bestückt YouTube mit Katzenvideos.

Fotosafari im Eigenheim

Ich muss etwas gestehen: Ich bin relativ neu im Netz. Es ist noch nicht so lange her, dass ich über eine raketenschnelle Internetverbindung verfüge. Und Web 2.0 war noch zu Beginn des vorigen Jahres ein Wort, über das ich im Feuilleton gestolpert bin. Und das mich rasch weiterblättern ließ.

Was für Veteranen der Szene zum Alltag gehört, RSS-Feeds, embedded objects und überhaupt die Struktur eines Blogs, musste ich mir mühsam selbst beibringen. Auch der Jargon war mir fremd, zum Beispiel der Ausdruck "Katzencontent". Wer es noch nicht weiß: Dieser Fachbegriff steht für Überflüssiges. Er leitet sich von dem nicht so falschen Eindruck ab, dass die Mehrheit der Stubenhocker, die Videos oder Fotos ins Netz stellen, den ganzen Tag lang Peterle und Schnurri mit einem riesigen Arsenal an Aufzeichnungstechnologie hinterherhetzen – um dann von übellaunigen Kommentarschreibern der Tierquälerei bezichtigt zu werden.

Kein Schmusekurs

Solcherlei Getue ist für ernsthafte Blogger, die gerne mal den Nahost-Konflikt in einem Nebensatz lösen, schonungslos die Bush-Regierung kritisieren, indem sie ein paar paranoide Artikel verlinken, oder, andersherum, auf knallharten "liberal hawk" machen, indem sie Betriebsunfälle der amerikanischen Demokratie wie Ronald Reagan zu Freiheitshelden stilisieren, natürlich nur Paddeln in seichtem Gewässer.

Fazit: Ein Blog ohne Katzencontent ist so etwas wie Kaffee ohne Milch und Zucker oder House ohne Vocals, also eine Sache für echte Männer.

Bei so viel Machotum bleiben Gegenreaktionen nicht aus. Der Vorwurf, Vocals und ähnliches Disco-Tschingderassa seien in der elektronischen Musik so überflüssig wie die Handtaschen, die aufgebrezelte junge Damen aus den Vorstädten auf dem Dancefloor abstellen, um um sie herum zu tanzen, reizte Musikproduzenten in den frühen 90ern dazu, gerade diese Stilelemente zu betonen. Ihnen ging der Purismus auf die Nerven, das Schandmal "Handbag House" trugen sie mit Stolz auf die eigene, sogenannte Oberflächlichkeit – zum nachhaltigen Schrecken der Kapuzenpullifraktion in der Technoszene.

Der Killer in deinem Bett

Ähnlich gehen einige Blogger mit Katzencontent in die Offensive. Besonders gnadenlos war der mittlerweile pausierende Blog What Jeff Killed. "To humans, Jeff is an exceptionally good-tempered and friendly cat; to rodents and other small animals, he is death itself", stand da als Einführung zu lesen. Und was die pelzige Killermaschine erlegte, wurde mit Fotos dokumentiert (die man noch ansehen kann). Vorsicht bei flauem Magen!

Auf eine andere Weise over the top sind die Videos von Dana DeArmond (YouTube-Profil), die die amerikanische Sexfilm-Darstellerin beim Schmusen mit Kater Heinrich im Bett aufnimmt. Hier nimmt die dem Betrachter zugemutete Intimität wirklich pornografische Ausmaße an.

Sonntag, 3. Februar 2008

Berlin-Alamo: Ein Fall von Besessenheit

Ein unangenehmes Geräusch kriecht durch das Rattern der Tram der Linie M 10. Rüdiger auf dem Sitzplatz neben mir zerkratzt mit den brüchigen Fingernägeln seiner linken Hand die fleckige Haut seiner rechten. Danach umgekehrt.

Dass er Rüdiger heißt, konnte ich mit einem Blick auf den Behördenbrief erhaschen, der auf seinem Schoß liegt. Rüdigers Hände krabbeln wie aufgescheuchte Tierchen auf ihm herum. Wo sie auf Haut stoßen, krallen sie sich fest und beginnen zu schaben. Am Kopf angekommen, widmet sich seine rechte Hand der Frisur. Rhythmisch fährt sie durch sein gegeltes, schulterlanges Haar. Von dort wandert die Hand weiter zum Gesicht, das sie in einer unkoordinierten Massage zu einer Grimasse modelliert.

Zwischendurch wirft Rüdiger verstohlene Blicke in alle Richtungen, wie um zu sehen, ob sein Verhalten auffällt. Ich rutsche auf meinem Platz hin und her. Wie eine Marionette hänge ich an seinen fuchtelnden Händen. Um mich abzulenken, starre ich auf die Fensterscheibe neben uns. Das ist aber keine gute Idee. Denn dort ist Rüdigers Spiegelbild zu sehen. Wenn ich ihn dort sehen kann, kann auch er mich sehen. Ich möchte aber nicht, dass er sich beobachtet fühlt, ich möchte ihn nicht reizen.

An der Haltestelle Winsstraße steigt Rüdiger aus. Zwanzig Minuten Martyrium sind vorbei. Kurz darauf vibriert mein Handy in der Jackentasche. Ich versuche hineinzugreifen und das Ding herauszufischen. Es geling mir nicht – meine Hände zittern. Rüdiger ist gar nicht fort, er ist in mich hineingeschlüpft, er hat sich meine Hände wie Handschuhe übergestreift. Ein Packen Notizzettel, den ich anstelle des Handys ergriffen habe, rieselt zu Boden. Die Frau, die Rüdigers Platz eingenommen hat, sieht mich seltsam von der Seite an. Dann rückt sie von mir ab.

"Berlin-Alamo": Diese Blog-Serie ist eine Ästhetisierung des Unbehagens, eine bedingungslose Kapitulation, so politisch wie das Gefühl des Betrogen-worden-Seins nach dem Besuch eines Blockbusters im Multiplex-Kino. Der Titel ist geklaut: von einem Super-8-Film von Knut Hoffmeister von 1979, der wiederum den Sound des Durchhaltedramas mit John Wayne geklaut hat. Darin: West-Berlin, Neon-Dschungel, Martin Kippenberger mixt einen Drink, Polizisten vor dem "Pressecafé" am Bahnhof Zoo, Straßenkampf und Currywurst. In der "taz" hieße die Serie Berliner Szenen und wäre je Beitrag 30 Euro Honorar wert.