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Freitag, 25. April 2008

Schönheitsstudio für eine Leiche. Teil 1

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Der Tod ist ein Dandy

Der französische Historiker Philippe Ariès berichtet in seiner umfangreichen "Geschichte des Todes" folgende Verfügung, die der Marquis Maurice d'Urre d'Aubais, gestorben im Alter von 70 Jahren am 21. Mai 1927, in seinem Testament festgehalten hatte.

Nach meinem Tod wünsche ich, in einem Sessel unter einem gläsernen Reliquienschrein zu sitzen. Dieser Reliquienschrein muss mit Blick auf das Meer aufgestellt werden, an einem öffentlichen, ständig erhellten Platz in der Nachbarschaft eines Leuchtturms und einer Funk- und Telegrafenstation.

Dieser Gefallen wurde dem reichen Exzentriker, der sein Vermögen dem französischen Staat vermachte, nicht getan. "In der Tat hat man seinen Sarg - und nicht seine sichtbare Mumie - in einem Zimmer seines Schlosses, das in eine Art von erleuchtetem Katafalk umgestaltet war, aufgestellt", schreibt Ariès über den weiteren Verbleib der Leiche.

Ob der Marquis, wenn es die technischen Möglichkeiten zu seiner Zeit schon gegeben hätte, die Nachbarschaft eines Fernsehstudios bevorzugt hätte, ist fraglich. Der Ort, den er für die Ausstellung seiner sterblichen Überreste ausgesucht hatte, war vermutlich ein exklusiver: als Lichtreflektion auf dem Glas des Schreins aus der Ferne, etwa von einem Schiff aus, gerade noch zu erkennen. Und man stelle sich vor, es hätte tatsächlich eine Funkverbindung gegeben zu diesem exponierten Rückzugsort für die Ewigkeit: Der Person am anderen Apparat wäre nichts weiter zu Ohren gekommen als das Rauschen des Meeres.

Pst! Hier wird gestorben

Heute, mehr als 80 Jahre nach dem Tod des Marquis, ist es wieder eine Art Reliquienschrein, an dem sich das Licht bricht, obwohl auch er kaum mehr ist als ein Hirngespinst. Nahe bei ihm überkreuzen sich die Nachrichtenströme, und ein mediales Geräusch umfängt ihn auf allen Kanälen. Nur das Miteinander von totaler Sichtbarkeit und endloser Einsamkeit gelingt in der Tele-Gesellschaft viel eindrucksvoller.

Die Rede ist von dem Vorhaben Gregor Schneiders, einen Sterbenden oder einen Leichnam ins Museum zu bringen. Aus humanitären Gründen, wie der deutsche Künstler betonte, nachdem sich die ersten Erregungswellen durch die Feuilletons und Boulevardblätter ausgebreitet hatten.

Im Interview der "Westdeutschen Zeitung" erläutert Schneider seine Motive:

Der Tod ist ein privater und intimer Vorgang, der meistens nicht schön ist. Ich würde gern in einem von mir ausgewählten Raum, einem privaten Bereich des Museums, sterben, umgeben mit Kunst. Meine Hoffnung ist es, schön, erfüllt zu sterben. Vielleicht schaffen wir das alle, wenn wir den Tod aus der Tabuzone befreien und zu einem positiven Erlebnis machen wie die Geburt eines Kindes.

Probe liegen soll für diese finale Performance aber erst mal jemand anders. Einen Kandidaten für diesen makabren Beautysalon habe der "Todeskünstler", wie es bei "Welt Online" heißt, bereits gefunden.

Der Tod steht ihr gut

Todeskitsch im Zeitraffer. Offensichtlich wurde das Filmmaterial geschnitten. Vom Bundesamt für Tabuisierung des Todes?

Ein Leichenschmaus für Debattenjockeys

Natürlich kann Gregor Schneider, wenn er eine "Debatte anstoßen" ("taz") möchte, auf das Zauberwort "Tabu" nicht verzichten. Die Bemerkung, der Tod sei in den westlichen Gesellschaften tabuisiert, verdrängt, unterdrückt, was auch immer, gehört schließlich zum gängigen Blabla von Leuten, die irgendwelche Scheußlichkeiten als gesellschaftlich relevant verkaufen wollen.

Der Mechanismus des ganzens Vorgangs, der Erregungsproduktion wie der darauffolgenden Kritik daran, ist bekannt: Stets, wenn mit anklagendem Ton irgendein gesellschaftliches Tabu behauptet wird, findet sich jemand, oft der Sprecher dieser Behauptung selbst, der dann mit Emphase dieses angebliche Tabu bricht. Heraus kommt dann dabei meist etwas extrem Kurzsichtiges, oft Ärgerliches, mitunter Reaktionäres.

Und hat der Tabubrecher erst irgendein Megafon in Funk und Fernsehen gefunden, mit dem er in Welt hinausbrüllt, dass er hier tut, was er eigentlich gar nicht darf, springt genauso todsicher ein ebenfalls ritualisierter Vorgang der Datenverarbeitung in den Redaktionen an, der sein Tun "schonungslos kritisiert". Ein paar Hinterbänkler in den Parlamenten gibt es zudem immer, die sich sogleich aufgeregt zu Wort melden. Deren Statements im Namen des politisch-moralischen Subjekts lassen dann sich für Pressemitteilungen im Stundentakt verbraten.

Als nächster Schritt in der medialen Verwertungskette kommt zwangsläufig die Meta-Kritik. Der Tabubruch sei gar keiner, analysieren dann die reflektierteren Schreiber - nicht selten auf den Seiten jener Zeitungen, die tags zuvor noch "Skandal!" geschrien hatten.

Wenn sich alle Beteiligten schön an diese Spielregeln halten, bringen sie vielleicht auch das zustande, was ihnen samt und sonders nutzt: eine sogenannte Feuilleton-Debatte.

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Teil 2 von "Schönheitsstudio für eine Leiche" gibt es demnächst in den Headquarters of Crocodiles.

Dienstag, 15. April 2008

Ich Opfer

Am vorigen Samstagabend bekam ich einen Stein an den Kopf. Aus heiterem Himmel, wie man so sagt. Ich stieg die Treppe von der U-Bahn-Linie U2 zum Alexanderplatz hoch, plötzlich hörte ich und fühlte ich: ein knackendes Geräusch. Auf einer Stufe lag dann das Wurfgeschoss, etwas größer als eine Kastanie. Keine Sorge: Eine dicke Mütze schützte mich vor dem, was ohne Kopfbedeckung mindestens eine Beule geworden wäre.

Phantombild"Voll krass, Alter", hätte dazu wohl einer der Jugendlichen aus der vielköpfigen Gruppe gesagt, aus der sehr wahrscheinlich der Steinwurf kam. Sie hatten sich hinter der Mauer, die den U-Bahn-Zugang umgibt, positioniert und waren voll im Saturday Night Fever, lachten, schubsten sich herum.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mit einer Zigarette im Mund postierte ich mich vor dem Eingang des Saturn-Elektronikmarktes, nahe der U-Bahn, von wo aus ich die Truppe im Auge hatte. Dort ging ich auf und ab, als würde ich auf jemand warten. Dabei musterte ich sie. Natürlich sahen sie so aus wie auf dem Fahndungsplakat der "Holzklotz-Werfer" (also wie jeder Zweite in irgendeiner Fußgängerzone oder Shoppingmall).

Ich spürte Hass in mir hochkriechen.

Was ich fürchtete, blieb aber aus: mit den Blicken derer konfrontiert zu werden, die mich als Opfer ihres "Spaßes" auserkoren hatten. Niemand beachtete mich. Es war kein gezielter Angriff gewesen, die Truppe war mit sich selbst beschäftigt, wahrscheinlich hatte einer der Spaßvögel aus Übermut den Stein über die Mauer geworfen. Ihr Fun, mein verdorbener Abend: So lautet hier das Gesetz der Straße.

Was mir durch den Kopf ging: Videoüberwachung, Ausgangssperre, Ethikunterricht, Strafrechtreform, die ganzen Zutaten, mit denen das Thema in letzter Zeit heiß gekocht wurde.

Ich betrachte es als Beeinträchtigung meiner Lebensqualität, mich mit solchen Dingen gedanklich beschäftigen zu müssen. Am Ende geifert man mit "Bild" und "B. Z." gegen die Resozialisierung von Problemjugendlichen im Mittelmeerklima.

So jemand will man nicht sein.

Dennoch: Man muss nicht von der Stimmungsmache in der Presse angesteckt sein, um den gruppeninternen Konformitätsdruck, das Gepose, den Wettkampf um Aufmerksamkeit, den feigen Mut desjenigen, der sich von Kumpels umgeben fühlt, all das, was solchen beiläufigen Angriffen gegen Fremde zugrunde liegt, als abstoßend zu empfinden.

Hass jedoch ist schlecht für die geistige Gesundheit. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Schlimmes war nicht passiert. Ich fuhr nach Hause.

An der Stelle meines Kopfes, wo eine Beule sein sollte, wächst seitdem – aus einem Phantomschmerz heraus – eine Art Cronenberg-Schnittstelle, ein Bioport, eine somatische Direktverbindung zwischen meinem Körper und dem, was im Fernsehen läuft und sonstwo an News präsentiert wird. Die gefährlichen Jugendlichen, die besorgten Pädagogen, der Mann von der Straße, die abwesenden Eltern, die TV-Moderatorin, der Law-and-Order-Politiker, der Leitartikelschreiber, die ratlosen Lehrer, das Kamerateam, ziemlich viel Personal, am Durchgang zu meinem medial aufgebrochenen Schädel herrscht Gedränge.

Interviews gibt es nur noch bei Voranmeldung.

Mittwoch, 26. März 2008

Die frohe Botschaft: Kirchenkritiker konserviert für die Ewigkeit

Es sollte eine mathematische Formel geben, mit der man ermitteln kann, in welchen Rhythmen bestimmte Themen zum "Spiegel"-Titel werden: Hitler, Heuschrecken, Weltuntergang, der böse Ami, Generation soundso. Nichts zum Vorausberechnen gibt es aber, wenn christliche Feste anstehen, dann richtet sich das "Sturmgeschütz der Demokratie" verlässlich auf Jesus, Paulus und Co.

Die vergangene Osterausgabe des "Spiegel" titelte "Als Jesus noch ein Guru war", Verfasser ist Matthias Schulz, der sich 2006 mit seinem Weihnachtskracher "Das Testament des Pharao" (pdf) über die Entstehung des Monotheismus und das Gewaltpotenzial der jüdischen Religion gehörig in den Dornenstrauch gesetzt hatte. Von Antijudaismus bis Antisemitismus gingen damals die Vorwürfe.

Den Headquarters of Crocodiles kam nun aus Medien-Insiderkreisen zu Ohren, dass Rudolf Augstein immer noch den Ton angibt, wenn turnusmäßig die Urchristen beim Hamburger Nachrichtenmagazin ans Kreuz der Kritik geschlagen werden.

Eingefroren wie der Raumschiff-Kommandant in John Carpenters Low-Budget-Späßchen "Dark Star" (Trailer) liegt der "Spiegel"-Gründer in einem geheimen Trakt des "Spiegel"-Gebäudes tief unter der Erde. Wenn das Thema ansteht, muss ein leitender Redakteur sich dorthin begeben, durch endlose, von flackerndem Neonlicht beleuchtete Gänge schreiten und durch unzählige Schleusen steigen, bis er beim Kühlraum angelangt ist, Augsteins Bereitschaftszimmer für die Ewigkeit.

Nach der Eingabe eines Zahlencodes öffnet sich eine Klappe in der Wand, und Augsteins weißblau gefrorenes Gesicht kommt zum Vorschein. Unter den Eiskristallen regt sich nichts, aber über einen Lautsprecher kann der Redakteur zunächst ein Knistern vernehmen und später eine metallisch klingende, krächzende Stimme: "Es ist so kalt hier, so entsetzlich kalt ..."

Der Redakteur, der die Klagelaute nicht zum ersten Mal hört, unterbricht bald den Sermon: "Ja, schon klar, Herr Augstein, was mich aber auch interessieren würde: Nehmen Sie einmal an, Sie wären noch am Leben, was würde Ihnen dann für eine Jesus-Titelgeschichte einfallen?"

Montag, 28. Januar 2008

Bekenntnisse eines Amateurjournalisten

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Nein, die Headquarters sind nicht verstummt, nur ein weniger leiser geworden – angesichts der Menge an Arbeit, und zwar bezahlter Arbeit, die mich in den vergangenen Monaten vom unbeschwerten Forschen und Schreiben im Web 2.0 abgehalten haben.

Berlin, die Arm-aber-sexy-Frontstadt, kennt auch hier nur Extreme, zumindest wenn man als Freelancer dem Medienproletariat angehört. Entweder gibt es über lange Strecken überhaupt keine Verdienstmöglichkeit, oder man ist voll eingedeckt, und zwar mit Arbeitszeiten, die jede Gewerkschaftsforderung wie Nachrichten aus Lummerland klingen lassen. Den Rest der Zeit ist man eben hirntot.

Die Unregelmäßigkeit der Beiträge in den Headquarters hatte aber auch davor schon Methode. Denn diese sollten nicht nach dem Prinzip vieler anderer Blogs verfasst sein, also als verlinkte Nachrichten und Artikel aus anderen Onlinemedien, die mit einem kurzen Kommentar versehen sind. An dieser Machart ist nichts auszusetzen, nur interessiert sie mich nicht so sehr. Stattdessen sollten hier in Abständen längere Texte zu lesen sein, einigermaßen gut recherchiert und unter Einhaltung dessen, was man als journalistische Standards bezeichnet. Also ein hübscher Arbeitsaufwand. Und das auch noch nicht mal für ein Taschengeld. Denn Werbung wird es hier in absehbarer Zukunft nicht geben.

Was für ein Wahnsinn, schreit da der freie Autor, der die Klinken von Redaktionen putzt, um für das Geld, das er monatlich braucht, genügend Geschichten loszuwerden. 200 Euro für 2000 Zeichen sollten doch drin sein, denkt er sich. Manchmal ist es mehr, öfters, insbesondere bei sogenannten alternativen Publikationen, ist es viel weniger.

Unbehagen über den "Amateurjournalismus" im Web 2.0 löst also nicht nur der "arme tagebuchmimetische Netzdreck" aus, von dem sich Dietmar Dath in einer Vorwegnahme der aktuellen Internet-Schelte seines ehemaligen "FAZ"-Chefs Frank Schirrmacher im Vorwort seiner Artikelsammlung "Heute keine Konferenz" (Suhrkamp, 2007) absetzt, um stattdessen die redaktionellen Filterungssysteme und etablierten Darstellungsformen sogenannter Qualitätszeitungen zu loben, an denen sich der jeweilige Autor dann reiben könne.

Nein, auch die Webseiten, die aufwendiger produziert sind, werden vom kleinen Schreiber auf der Straße mit Argwohn betrachtet: Schließlich sind sie Mitbewerber.

Das Web 2.0 ist offensichtlich keine ökonomiefreie Zone. Auch dort, wo im Internet keine kostenpflichtigen Angebote bestehen, gibt es ja den Konkurrenzkampf, der bekanntlich auf einer "Ökonomie der Aufmerksamkeit" beruht. Zeit ist knapp in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, daher überlegt sich der Informationskonsument, wie er diese am besten investiert und so weiter und so fort. Man kennt diesen Text seit Mitte der 90er-Jahre, nicht zuletzt aus ungezählten Interviews mit Georg Franck. (Ein Anspieltipp älteren Datums: "Prominente sind die Einkommensmillionäre in Sachen Aufmerksamkeit".)

"Einkommensmillionäre in Sachen Aufmerksamkeit" wird es im Web 2.0 wohl nie geben, dazu ist einfach zu viel am Markt, das wahrgenommen werden möchte – und dies mitunter auch verdient. Die Frage ist auch, ob es tatsächlich alle Blogger darauf angelegt haben, mit ihren Mitteln "berühmt" zu werden.

Am Anfang der Headquarters of Crocodiles standen jedenfalls zwei Wünsche: zum einen, mich mit dem Medium vertraut zu machen, zum anderen, eine Möglichkeit zu finden, jenseits der hirntötenden Medienbrotjobs das Schreiben und Denken in eigener Sache nicht zu verlernen. Und das hat auch ganz gut funktioniert. Die Ergebnisse sind allerdings nicht in erster Linie in der Form von Beiträgen im Blog gelandet, sondern als Ideen und Texte, die sozusagen als Nebeneffekt entstanden sind, auf meiner Festplatte.

Es ist zwar schön, dass Tag für Tag Surfer die älteren Texte des Blogs googlen und aufrufen, aber eine zu große Aufmerksamkeit wäre für meine oben beschriebene Arbeitsweise eher schädlich. Ich könnte mich dann versucht fühlen, nur noch das geweckte Leserinteresse zu bedienen – ein Erfolgsdruck, mit dem ein "Alphablogger" wie Robert Basic sicher zu kämpfen hat, auch wenn er diesen "Dienstleistungsgedanken" in einem Interview vor ein paar Monaten mit den Worten abgewinkt hat: "Auf so was kann nur ein Medienfuzzi kommen. Ich blogge einfach, was mich bewegt."

Mittwoch, 22. August 2007

Update Prussian Blue: Wie aus Tätern Opfer werden

Sachsen scheint sich in diesem Sommer zu einer Partyzone ganz besonderer Art zu entwickeln. Zwei Wochen nach dem von den Jungen Nationaldemokraten ausgerichteten rechtsradikalen "Sachsentag" in Dresden-Pappritz kam es in der Nacht zum vergangenen Sonntag in der sächsischen Kleinstadt Mügeln zu pogromartigen Auschreitungen gegen indische Migranten. Nach einem Streit in einem Festzelt jagten um die 50 vorwiegend jüngere Besucher einer "Altstadtparty" eine Gruppe von acht Indern durch die Straßen. Der Mob, der laut Zeugenaussagen fremdenfeindliche Parolen von sich gab, verfolgte die Gruppe bis zu einer Pizzeria und konnte nur durch ein massives Polizeiaufgebot von weiterer Gewalt abgehalten werden. Erinnerungen an die rassistischen Krawallnächte in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 wurden wach.

Fast auf den Tag genau vor 15 Jahren: Angriffe von Rassisten auf die Asylbewerber-Aufnahmestelle in Rostock-Lichtenhagen (Umbruch-Bildarchiv).

Dieser Vorfall ist Grund genug, noch mal zum Thema des vorigen Beitrags in den Headquarters of Crocodiles zurückzukehren. Darin ging es um die Zwillingsschwestern Lamb und Lynx Gaede, die in den USA unter dem Namen Prussian Blue zu Vorzeigegesichtern der "white pride"-Fraktion avanciert sind – und beim "Sachsentag" nebst NPD-Liedermacher Frank Rennicke aufgetreten sind.

Was wir in unserem Beitrag unter den Tisch gekehrt hatten, waren aktuelle Meldungen, dass sich die mittlerweile 15 Jahre alten "Nazi-Twins" anscheinend von dem Medienbild distanzieren, das ihre Mutter und Managerin April Gaede in Zusammenarbeit mit führenden Neonazis und Rechtsextremen in den USA für sie entworfen hat.

Anlass für diese Berichte über die "Entnazifizierung der Nazi-Twins" war die Reportage "Nazi Pop Twins" von James Quinn, die im vergangenen Monat vom britischen TV-Sender Channel 4 gezeigt wurde. Quinn durfte die Gaede-Familie seit Sommer 2006 ein ganzes Jahr lang besuchen, interviewen und filmen. Das Ergebnis sind Bilder, die uns die Gaedes hautnah erleben lassen sollen, eine Familie, die eher Vorstellungen von ländlicher Armut in den USA bis hin zu "white trash"-Klischees entspricht – und wenig an die Zuchtanstalten im wilhelminischen Deutschland denken lässt, in denen, wie Klaus Theweleit in seinem Faschismus-Klassiker "Männerphantasien" schreibt, mittels Rohrstock und Liebesentzug das Personal des künftigen Nazi-Regimes in Form gebracht wurde.

Nach James Quinns Urteil scheint April Gaede, die ihre Töchter nach gescheiter Ehe mit einem "Hasch rauchenden isländischen Stabhochspringer" (FAZ) allein erzogen hat, sogar eine gute Mutter zu sein – wäre da nicht dieser Wille, ihre Kinder für ihren politischen Aktivismus zu benutzen.

Und der hat neben dem Schlagzeilenruhm ganz erhebliche Konsequenzen für das alltägliche Leben der Gaedes. So war es die offen zum Ausdruck gebrachte Aversion der Einwohner von Bakersfield, Kalifornien, dem ursprünglichen Wohnort von April Gaede und ihren Töchtern, die sie zu einem Umzug veranlasst hat: offenbar nach Kalispell, Montana, wo sie laut ABC News schon mit Plakaten empfangen wurden, auf denen "No hate here" zu lesen stand.

Großvater und Familienoberhaupt Bill Gaede, der in der Reportage die Karikatur eines rassistischen Rednecks abgibt, trifft da lieber andere Vorkehrungen. Auf seiner Ranch in Fresno, Kalifornien, erzählt er beim Übungsschießen auf Blechdosen, dass er nicht nur auf "cans" abdrückt, sondern auch auf "Mexicans". Die Brandzeichen, die Bill seinen Rindern verpasst, haben selbstverständlich die Form von Hakenkreuzen. Großmutter Gaede, mit der Quinn eigentlich gar nicht sprechen sollte, beklagt dagegen in deutlichen Worten die soziale Isolation, in die sie die rechtsextreme Gesinnung ihres Mannes gebracht habe.

Videoclip zu Prussian Blues "Lamb Near The Lane". Der Songtext wurde von David Lane verfasst, dem kürzlich im Gefängnis gestorbenen Gründer der rechtsextremen US-Terrororganisation The Order.

Und dann sind da die Bruchlinien im professionell-familiären Verhältnis zwischen April Gaede und ihren Töchtern, die Quinn und sein Team mit der Kamera verfolgen, anscheinend in der Hoffnung, dass die Nazi-Twins, mit 15 nun in einem Alter, in dem Generationskonflikte eben ausbrechen, sich gegen die Progagandamaschine auflehnen, die ihre Mutter seit ihrer Kindheit um sie herum errichtet hat. Und tatsächlich: Die Mädchen nutzen in einer Szene die Abwesenheit ihrer Mutter, um zu erzählen, dass sie des Medienrummels überdrüssig seien.

James Quinn rückt in "Nazi Pop Twins" den Gaedes ziemlich nah auf den Leib. Die Intimität, die er dabei herstellt, hat in manchen Momenten fast etwas Pornografisches. Zumindest die Szene, in der der Filmemacher April Gaede ins Gebet nimmt, ihr seine Diagnose ins Gesicht sagt, die Anfeindungen, die sie erlebe und beklage, suche sie in Wahrheit selbst, um als "Märtyrerin" dazustehen, wobei er aus dem Off spricht, sozusagen als entkörperlichte, aber auktoriale Analytikerstimme, erinnert uns an eine Therapiesitzung.

Es gibt in der Reportage noch weitere Expeditionen ins Innenleben von April Gaede. Wie sie bereitwillig erzählt, scheint ein Grund für ihren Rassenfanatismus eine versuchte Vergewaltigung durch einen Afroamerikaner zu sein, die sie als Mädchen zu erleiden hatte. Ist das die Rechtfertigung? Oder etwa die Moral: Opfer machen andere zu Opfern. Ein ewiger Kreislauf des Missbrauchs und der Gewalt. Auch in den Headquarters mussten wir ob dieser universellen, allzu menschlichen Erkenntnis, die Quinns Film als Erklärungsmodell anbietet, mit den Krokodilstränen kämpfen.

Wir wagen die Annahme, dass sich jede auf Hass gegründete Gemeinschaft, Bewegung und Organisation aus traumatisierten, verstörten oder irregeleiteten Individuen zusammensetzt. Mit gesellschaftlich antrainiertem Therapeutenblick sieht man in ihnen nur noch Opfer und denkt zuerst, wie denn diesen armen Menschen zu helfen sei. So gesehen gibt es keine realen politischen Akteure und keine politischen Strukturen mehr, in denen diese aktiv werden, in denen sich ihre Kräfte addieren, es gibt nur noch Einzelfälle, Schicksale, Krankenakten – Handlungsbedarf für Sozialhelfer, Psychologen und Kliniken.

Das ist die eine Perspektive. Die andere, die politische, interessiert sich eher dafür, was diese Individuen, Gemeinschaften, Bewegungen und Organisationen tun. Was also ihre Handlungen bedeuten, und was diese anrichten, ob es sich dabei nun um tatsächliche Gewalt handelt oder um symbolische. Zum Beispiel ein Auftritt bei einem rechtsradikalen Sommerfest der NPD-Jugendorganisation, der wahrscheinlich nicht direkt ursächlich mit der entfesselten Mobgewalt in Mügeln zu tun hat, aber zur Stimmung beiträgt, in der solche Ausschreitungen möglich sind. Und das unabhängig davon, ob sich die Protagonisten, in diesem Fall Prussian Blue, noch vollkommen mit dem Medienbild identifizieren, das sich um sie geschlossen hat, oder nicht. Sie funktionieren und spielen ihre Rolle weiterhin zur Zufriedenheit der rechten Szene, sie stellen ihre Kreativität in den Dienst der Unfreiheit, des Hasses und der schlechten Identitätsfindung, und das ist die Hauptsache.

Die Headquarters erinnern sich in diesem Zusammenhang an eine Podiumsdiskussion der Berlinale von 2002 unter dem Titel "Reality Frame", bei der sich Slavoj Zizek zu einer Filmreportage aus deutscher Produktion äußerte, die das problematische Verhältnis eines jugendlichen deutschen Neonazis zu seiner Mutter beleuchtete, um derart dessen Rechtsradikalismus zu erklären. Der slowenische Kulturkritiker und Lacan-Interpret betrachtete diese Darstellungsstrategie als misslungen und meinte dazu (sinngemäß): Das Persönliche, das Menschliche, die Intimität bilden die Maske – dahinter verbirgt sich das wahre Gesicht: die politische Funktion.

Ein Film wie "Nazi Pop Twins", der das Anliegen seines Regisseurs transportieren soll, die psychologische, menschliche Wahrheit hinter den Medienbildern und politischen Inszenierungen von Prussian Blue darzustellen und dabei die vielfache Vernetzung April Gaedes mit der rechtsextremen Szene in den USA nicht ins Bild setzt, betreibt daher Realitätszertrümmerung. Als Reportage ist er somit gescheitert.