Nein, die Headquarters sind nicht verstummt, nur ein weniger leiser geworden – angesichts der Menge an Arbeit, und zwar bezahlter Arbeit, die mich in den vergangenen Monaten vom unbeschwerten Forschen und Schreiben im Web 2.0 abgehalten haben.
Berlin, die Arm-aber-sexy-Frontstadt, kennt auch hier nur Extreme, zumindest wenn man als Freelancer dem Medienproletariat angehört. Entweder gibt es über lange Strecken überhaupt keine Verdienstmöglichkeit, oder man ist voll eingedeckt, und zwar mit Arbeitszeiten, die jede Gewerkschaftsforderung wie Nachrichten aus Lummerland klingen lassen. Den Rest der Zeit ist man eben hirntot.
Die Unregelmäßigkeit der Beiträge in den Headquarters hatte aber auch davor schon Methode. Denn diese sollten nicht nach dem Prinzip vieler anderer Blogs verfasst sein, also als verlinkte Nachrichten und Artikel aus anderen Onlinemedien, die mit einem kurzen Kommentar versehen sind. An dieser Machart ist nichts auszusetzen, nur interessiert sie mich nicht so sehr. Stattdessen sollten hier in Abständen längere Texte zu lesen sein, einigermaßen gut recherchiert und unter Einhaltung dessen, was man als journalistische Standards bezeichnet. Also ein hübscher Arbeitsaufwand. Und das auch noch nicht mal für ein Taschengeld. Denn Werbung wird es hier in absehbarer Zukunft nicht geben.
Was für ein Wahnsinn, schreit da der freie Autor, der die Klinken von Redaktionen putzt, um für das Geld, das er monatlich braucht, genügend Geschichten loszuwerden. 200 Euro für 2000 Zeichen sollten doch drin sein, denkt er sich. Manchmal ist es mehr, öfters, insbesondere bei sogenannten alternativen Publikationen, ist es viel weniger.
Unbehagen über den "Amateurjournalismus" im Web 2.0 löst also nicht nur der "arme tagebuchmimetische Netzdreck" aus, von dem sich Dietmar Dath in einer Vorwegnahme der aktuellen Internet-Schelte seines ehemaligen "FAZ"-Chefs Frank Schirrmacher im Vorwort seiner Artikelsammlung "Heute keine Konferenz" (Suhrkamp, 2007) absetzt, um stattdessen die redaktionellen Filterungssysteme und etablierten Darstellungsformen sogenannter Qualitätszeitungen zu loben, an denen sich der jeweilige Autor dann reiben könne.
Nein, auch die Webseiten, die aufwendiger produziert sind, werden vom kleinen Schreiber auf der Straße mit Argwohn betrachtet: Schließlich sind sie Mitbewerber.
Das Web 2.0 ist offensichtlich keine ökonomiefreie Zone. Auch dort, wo im Internet keine kostenpflichtigen Angebote bestehen, gibt es ja den Konkurrenzkampf, der bekanntlich auf einer "Ökonomie der Aufmerksamkeit" beruht. Zeit ist knapp in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, daher überlegt sich der Informationskonsument, wie er diese am besten investiert und so weiter und so fort. Man kennt diesen Text seit Mitte der 90er-Jahre, nicht zuletzt aus ungezählten Interviews mit Georg Franck. (Ein Anspieltipp älteren Datums: "Prominente sind die Einkommensmillionäre in Sachen Aufmerksamkeit".)
"Einkommensmillionäre in Sachen Aufmerksamkeit" wird es im Web 2.0 wohl nie geben, dazu ist einfach zu viel am Markt, das wahrgenommen werden möchte – und dies mitunter auch verdient. Die Frage ist auch, ob es tatsächlich alle Blogger darauf angelegt haben, mit ihren Mitteln "berühmt" zu werden.
Am Anfang der Headquarters of Crocodiles standen jedenfalls zwei Wünsche: zum einen, mich mit dem Medium vertraut zu machen, zum anderen, eine Möglichkeit zu finden, jenseits der hirntötenden Medienbrotjobs das Schreiben und Denken in eigener Sache nicht zu verlernen. Und das hat auch ganz gut funktioniert. Die Ergebnisse sind allerdings nicht in erster Linie in der Form von Beiträgen im Blog gelandet, sondern als Ideen und Texte, die sozusagen als Nebeneffekt entstanden sind, auf meiner Festplatte.
Es ist zwar schön, dass Tag für Tag Surfer die älteren Texte des Blogs googlen und aufrufen, aber eine zu große Aufmerksamkeit wäre für meine oben beschriebene Arbeitsweise eher schädlich. Ich könnte mich dann versucht fühlen, nur noch das geweckte Leserinteresse zu bedienen – ein Erfolgsdruck, mit dem ein "Alphablogger" wie Robert Basic sicher zu kämpfen hat, auch wenn er diesen "Dienstleistungsgedanken" in einem Interview vor ein paar Monaten mit den Worten abgewinkt hat: "Auf so was kann nur ein Medienfuzzi kommen. Ich blogge einfach, was mich bewegt."


2 Kommentare:
Liebes Headquarter-
wie schön, wieder von Ihnen zu lesen!
Dem Mangel an Taschengeld kann-zumindest symbolisch-Abhilfe geleistet werden-
seit gestern steht auf meinem Schreibtisch ein ausgedientes und -gewaschenes Marmeladenglas, in das pro neuem Blogeintrag ganze 50 Eurocent wandern! Somit stehen beim nächsten Treffen dann wenigstens ein paar Biere aus, vorausgesetzt, sie bleiben fleissig!
Ihr Ihnen wohlgesonnener Mäzen aus Wien, Dr. Dr. M.
Besten Dank für das Foto vom Sparglas. Das hat mich gleich auf die Idee gebracht, man müsste das Notopfer Berlin wieder einführen. Für jede Mail, die versendet wird, gehen dann zwei Cent an eine Spendenkasse für Hungerkünstler und Textsklaven in Berlin-Alamo.
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