Donnerstag, 17. Juli 2008

Tschau

Die Headquarters of Crocodiles sind sanft entschlafen. Neue Beiträge wird es hier nicht mehr geben, die E-Mail-Adressen von Subscribern bei Feedburner werde ich löschen, die Kommentarfunktion des Blogs einschränken.

Ein Jahr lang bei einem Gratis-Host unter Pseudonym zu schreiben war eine gute Testphase für zukünftige Web-2.0-Projekte, momentan arbeite ich an einem neuen Blog in einer eigenen Domain. Um die Anonymität der Headquarters weiter zu wahren, werde ich dessen Namen hier nicht verraten. Wer aber Interesse daran hat, kann gerne eine Anfrage an learnmore.disa[at]gmail.com schicken. Dann überlege ich mir das.

Zum Abschied und thematisch passend: ein verzweifelter Schrei nach Disziplin von Genesis P-Orridge.

Throbbing Gristle - Discipline


Dienstag, 29. April 2008

Die Wüste lebt

Foto: Pere Tubert Juhé/Flickr

Die 1,5-Liter-Plastikflasche von Volvic, Evian, Vittel gehört zur Überlebensausrüstung des Einzelkämpfers in der Großstadt. Die Flasche steht neben dem Mac des Freelancers im Designbüro, sie ragt aus Umhängetaschen, steckt in Rucksäcken, den übergroßen Taschen von Carhartt-Jacken. Schnell in der U-Bahn einen Schluck. Das Trinken aus der Flasche bedeutet hier keinen Stilbruch – 1,5 Liter täglich sind das Minimum fürs Überleben. Beim Überleben fragt keiner, wie es aussieht. Aber manchmal wirkt die knappe, funktionale Geste des Überlebenden schon stylish.

Freitag, 25. April 2008

Schönheitsstudio für eine Leiche. Teil 1

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Der Tod ist ein Dandy

Der französische Historiker Philippe Ariès berichtet in seiner umfangreichen "Geschichte des Todes" folgende Verfügung, die der Marquis Maurice d'Urre d'Aubais, gestorben im Alter von 70 Jahren am 21. Mai 1927, in seinem Testament festgehalten hatte.

Nach meinem Tod wünsche ich, in einem Sessel unter einem gläsernen Reliquienschrein zu sitzen. Dieser Reliquienschrein muss mit Blick auf das Meer aufgestellt werden, an einem öffentlichen, ständig erhellten Platz in der Nachbarschaft eines Leuchtturms und einer Funk- und Telegrafenstation.

Dieser Gefallen wurde dem reichen Exzentriker, der sein Vermögen dem französischen Staat vermachte, nicht getan. "In der Tat hat man seinen Sarg - und nicht seine sichtbare Mumie - in einem Zimmer seines Schlosses, das in eine Art von erleuchtetem Katafalk umgestaltet war, aufgestellt", schreibt Ariès über den weiteren Verbleib der Leiche.

Ob der Marquis, wenn es die technischen Möglichkeiten zu seiner Zeit schon gegeben hätte, die Nachbarschaft eines Fernsehstudios bevorzugt hätte, ist fraglich. Der Ort, den er für die Ausstellung seiner sterblichen Überreste ausgesucht hatte, war vermutlich ein exklusiver: als Lichtreflektion auf dem Glas des Schreins aus der Ferne, etwa von einem Schiff aus, gerade noch zu erkennen. Und man stelle sich vor, es hätte tatsächlich eine Funkverbindung gegeben zu diesem exponierten Rückzugsort für die Ewigkeit: Der Person am anderen Apparat wäre nichts weiter zu Ohren gekommen als das Rauschen des Meeres.

Pst! Hier wird gestorben

Heute, mehr als 80 Jahre nach dem Tod des Marquis, ist es wieder eine Art Reliquienschrein, an dem sich das Licht bricht, obwohl auch er kaum mehr ist als ein Hirngespinst. Nahe bei ihm überkreuzen sich die Nachrichtenströme, und ein mediales Geräusch umfängt ihn auf allen Kanälen. Nur das Miteinander von totaler Sichtbarkeit und endloser Einsamkeit gelingt in der Tele-Gesellschaft viel eindrucksvoller.

Die Rede ist von dem Vorhaben Gregor Schneiders, einen Sterbenden oder einen Leichnam ins Museum zu bringen. Aus humanitären Gründen, wie der deutsche Künstler betonte, nachdem sich die ersten Erregungswellen durch die Feuilletons und Boulevardblätter ausgebreitet hatten.

Im Interview der "Westdeutschen Zeitung" erläutert Schneider seine Motive:

Der Tod ist ein privater und intimer Vorgang, der meistens nicht schön ist. Ich würde gern in einem von mir ausgewählten Raum, einem privaten Bereich des Museums, sterben, umgeben mit Kunst. Meine Hoffnung ist es, schön, erfüllt zu sterben. Vielleicht schaffen wir das alle, wenn wir den Tod aus der Tabuzone befreien und zu einem positiven Erlebnis machen wie die Geburt eines Kindes.

Probe liegen soll für diese finale Performance aber erst mal jemand anders. Einen Kandidaten für diesen makabren Beautysalon habe der "Todeskünstler", wie es bei "Welt Online" heißt, bereits gefunden.

Der Tod steht ihr gut

Todeskitsch im Zeitraffer. Offensichtlich wurde das Filmmaterial geschnitten. Vom Bundesamt für Tabuisierung des Todes?

Ein Leichenschmaus für Debattenjockeys

Natürlich kann Gregor Schneider, wenn er eine "Debatte anstoßen" ("taz") möchte, auf das Zauberwort "Tabu" nicht verzichten. Die Bemerkung, der Tod sei in den westlichen Gesellschaften tabuisiert, verdrängt, unterdrückt, was auch immer, gehört schließlich zum gängigen Blabla von Leuten, die irgendwelche Scheußlichkeiten als gesellschaftlich relevant verkaufen wollen.

Der Mechanismus des ganzens Vorgangs, der Erregungsproduktion wie der darauffolgenden Kritik daran, ist bekannt: Stets, wenn mit anklagendem Ton irgendein gesellschaftliches Tabu behauptet wird, findet sich jemand, oft der Sprecher dieser Behauptung selbst, der dann mit Emphase dieses angebliche Tabu bricht. Heraus kommt dann dabei meist etwas extrem Kurzsichtiges, oft Ärgerliches, mitunter Reaktionäres.

Und hat der Tabubrecher erst irgendein Megafon in Funk und Fernsehen gefunden, mit dem er in Welt hinausbrüllt, dass er hier tut, was er eigentlich gar nicht darf, springt genauso todsicher ein ebenfalls ritualisierter Vorgang der Datenverarbeitung in den Redaktionen an, der sein Tun "schonungslos kritisiert". Ein paar Hinterbänkler in den Parlamenten gibt es zudem immer, die sich sogleich aufgeregt zu Wort melden. Deren Statements im Namen des politisch-moralischen Subjekts lassen dann sich für Pressemitteilungen im Stundentakt verbraten.

Als nächster Schritt in der medialen Verwertungskette kommt zwangsläufig die Meta-Kritik. Der Tabubruch sei gar keiner, analysieren dann die reflektierteren Schreiber - nicht selten auf den Seiten jener Zeitungen, die tags zuvor noch "Skandal!" geschrien hatten.

Wenn sich alle Beteiligten schön an diese Spielregeln halten, bringen sie vielleicht auch das zustande, was ihnen samt und sonders nutzt: eine sogenannte Feuilleton-Debatte.

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Teil 2 von "Schönheitsstudio für eine Leiche" gibt es demnächst in den Headquarters of Crocodiles.

Dienstag, 15. April 2008

Ich Opfer

Am vorigen Samstagabend bekam ich einen Stein an den Kopf. Aus heiterem Himmel, wie man so sagt. Ich stieg die Treppe von der U-Bahn-Linie U2 zum Alexanderplatz hoch, plötzlich hörte ich und fühlte ich: ein knackendes Geräusch. Auf einer Stufe lag dann das Wurfgeschoss, etwas größer als eine Kastanie. Keine Sorge: Eine dicke Mütze schützte mich vor dem, was ohne Kopfbedeckung mindestens eine Beule geworden wäre.

Phantombild"Voll krass, Alter", hätte dazu wohl einer der Jugendlichen aus der vielköpfigen Gruppe gesagt, aus der sehr wahrscheinlich der Steinwurf kam. Sie hatten sich hinter der Mauer, die den U-Bahn-Zugang umgibt, positioniert und waren voll im Saturday Night Fever, lachten, schubsten sich herum.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mit einer Zigarette im Mund postierte ich mich vor dem Eingang des Saturn-Elektronikmarktes, nahe der U-Bahn, von wo aus ich die Truppe im Auge hatte. Dort ging ich auf und ab, als würde ich auf jemand warten. Dabei musterte ich sie. Natürlich sahen sie so aus wie auf dem Fahndungsplakat der "Holzklotz-Werfer" (also wie jeder Zweite in irgendeiner Fußgängerzone oder Shoppingmall).

Ich spürte Hass in mir hochkriechen.

Was ich fürchtete, blieb aber aus: mit den Blicken derer konfrontiert zu werden, die mich als Opfer ihres "Spaßes" auserkoren hatten. Niemand beachtete mich. Es war kein gezielter Angriff gewesen, die Truppe war mit sich selbst beschäftigt, wahrscheinlich hatte einer der Spaßvögel aus Übermut den Stein über die Mauer geworfen. Ihr Fun, mein verdorbener Abend: So lautet hier das Gesetz der Straße.

Was mir durch den Kopf ging: Videoüberwachung, Ausgangssperre, Ethikunterricht, Strafrechtreform, die ganzen Zutaten, mit denen das Thema in letzter Zeit heiß gekocht wurde.

Ich betrachte es als Beeinträchtigung meiner Lebensqualität, mich mit solchen Dingen gedanklich beschäftigen zu müssen. Am Ende geifert man mit "Bild" und "B. Z." gegen die Resozialisierung von Problemjugendlichen im Mittelmeerklima.

So jemand will man nicht sein.

Dennoch: Man muss nicht von der Stimmungsmache in der Presse angesteckt sein, um den gruppeninternen Konformitätsdruck, das Gepose, den Wettkampf um Aufmerksamkeit, den feigen Mut desjenigen, der sich von Kumpels umgeben fühlt, all das, was solchen beiläufigen Angriffen gegen Fremde zugrunde liegt, als abstoßend zu empfinden.

Hass jedoch ist schlecht für die geistige Gesundheit. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Schlimmes war nicht passiert. Ich fuhr nach Hause.

An der Stelle meines Kopfes, wo eine Beule sein sollte, wächst seitdem – aus einem Phantomschmerz heraus – eine Art Cronenberg-Schnittstelle, ein Bioport, eine somatische Direktverbindung zwischen meinem Körper und dem, was im Fernsehen läuft und sonstwo an News präsentiert wird. Die gefährlichen Jugendlichen, die besorgten Pädagogen, der Mann von der Straße, die abwesenden Eltern, die TV-Moderatorin, der Law-and-Order-Politiker, der Leitartikelschreiber, die ratlosen Lehrer, das Kamerateam, ziemlich viel Personal, am Durchgang zu meinem medial aufgebrochenen Schädel herrscht Gedränge.

Interviews gibt es nur noch bei Voranmeldung.

Montag, 14. April 2008

New kid on the block

mo_kidding_self_portraitWir begrüßen einen Neuzugang bei Blogspot: Mo Kidding, Buchautorin, Journalistin, begnadete Tänzerin, Noch-Charlottenburgerin und eine geschätzte Freundin. Dazu die einzige Person, der wir durchgehen lassen, dass sich auf ihren Mix-CDs Caterina Valente und MC5 einander auf die Füße treten.

Das Web 2.0 ist aber nichts Neues für die Dame. Als Anlaufstelle für die Hundertschaften der Sixties-Retro-, Garage-Rock-, Northern-Soul- Anhänger im Netz (und als ihre Archivarin) hat Mo Kidding mit ihrer MySpace-Seite Unerhörtes geleistet. Jedes Foto, das in den 60er-Jahren geschossen wurde, wurde mindestens einmal durch ihren Kommentarteil gejagt.

Wir sind gespannt, was sich Mo Kidding für ihren ersten richtigen Blog einfallen lässt. Was wir gerne bald lesen würden: die schonungslose Hintergrundstory zu "I Was A MySpace Wonder Girl".

(Foto: © Mo Kidding)

Samstag, 5. April 2008

Sie ist ein Model und sie sieht gut aus

hoc_creepy_girl

Ein faszinierendes Spielzeug für Computernerds, die sonst zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Abgeschaut von Basic Thinking. Möglich macht das eine Software namens MotionPortrait.

Mittwoch, 2. April 2008

Bloggen ohne Milch und Zucker

Intimitätsterror pur: Pornostar Dana DeArmond bestückt YouTube mit Katzenvideos.

Fotosafari im Eigenheim

Ich muss etwas gestehen: Ich bin relativ neu im Netz. Es ist noch nicht so lange her, dass ich über eine raketenschnelle Internetverbindung verfüge. Und Web 2.0 war noch zu Beginn des vorigen Jahres ein Wort, über das ich im Feuilleton gestolpert bin. Und das mich rasch weiterblättern ließ.

Was für Veteranen der Szene zum Alltag gehört, RSS-Feeds, embedded objects und überhaupt die Struktur eines Blogs, musste ich mir mühsam selbst beibringen. Auch der Jargon war mir fremd, zum Beispiel der Ausdruck "Katzencontent". Wer es noch nicht weiß: Dieser Fachbegriff steht für Überflüssiges. Er leitet sich von dem nicht so falschen Eindruck ab, dass die Mehrheit der Stubenhocker, die Videos oder Fotos ins Netz stellen, den ganzen Tag lang Peterle und Schnurri mit einem riesigen Arsenal an Aufzeichnungstechnologie hinterherhetzen – um dann von übellaunigen Kommentarschreibern der Tierquälerei bezichtigt zu werden.

Kein Schmusekurs

Solcherlei Getue ist für ernsthafte Blogger, die gerne mal den Nahost-Konflikt in einem Nebensatz lösen, schonungslos die Bush-Regierung kritisieren, indem sie ein paar paranoide Artikel verlinken, oder, andersherum, auf knallharten "liberal hawk" machen, indem sie Betriebsunfälle der amerikanischen Demokratie wie Ronald Reagan zu Freiheitshelden stilisieren, natürlich nur Paddeln in seichtem Gewässer.

Fazit: Ein Blog ohne Katzencontent ist so etwas wie Kaffee ohne Milch und Zucker oder House ohne Vocals, also eine Sache für echte Männer.

Bei so viel Machotum bleiben Gegenreaktionen nicht aus. Der Vorwurf, Vocals und ähnliches Disco-Tschingderassa seien in der elektronischen Musik so überflüssig wie die Handtaschen, die aufgebrezelte junge Damen aus den Vorstädten auf dem Dancefloor abstellen, um um sie herum zu tanzen, reizte Musikproduzenten in den frühen 90ern dazu, gerade diese Stilelemente zu betonen. Ihnen ging der Purismus auf die Nerven, das Schandmal "Handbag House" trugen sie mit Stolz auf die eigene, sogenannte Oberflächlichkeit – zum nachhaltigen Schrecken der Kapuzenpullifraktion in der Technoszene.

Der Killer in deinem Bett

Ähnlich gehen einige Blogger mit Katzencontent in die Offensive. Besonders gnadenlos war der mittlerweile pausierende Blog What Jeff Killed. "To humans, Jeff is an exceptionally good-tempered and friendly cat; to rodents and other small animals, he is death itself", stand da als Einführung zu lesen. Und was die pelzige Killermaschine erlegte, wurde mit Fotos dokumentiert (die man noch ansehen kann). Vorsicht bei flauem Magen!

Auf eine andere Weise over the top sind die Videos von Dana DeArmond (YouTube-Profil), die die amerikanische Sexfilm-Darstellerin beim Schmusen mit Kater Heinrich im Bett aufnimmt. Hier nimmt die dem Betrachter zugemutete Intimität wirklich pornografische Ausmaße an.

Mittwoch, 26. März 2008

Die frohe Botschaft: Kirchenkritiker konserviert für die Ewigkeit

Es sollte eine mathematische Formel geben, mit der man ermitteln kann, in welchen Rhythmen bestimmte Themen zum "Spiegel"-Titel werden: Hitler, Heuschrecken, Weltuntergang, der böse Ami, Generation soundso. Nichts zum Vorausberechnen gibt es aber, wenn christliche Feste anstehen, dann richtet sich das "Sturmgeschütz der Demokratie" verlässlich auf Jesus, Paulus und Co.

Die vergangene Osterausgabe des "Spiegel" titelte "Als Jesus noch ein Guru war", Verfasser ist Matthias Schulz, der sich 2006 mit seinem Weihnachtskracher "Das Testament des Pharao" (pdf) über die Entstehung des Monotheismus und das Gewaltpotenzial der jüdischen Religion gehörig in den Dornenstrauch gesetzt hatte. Von Antijudaismus bis Antisemitismus gingen damals die Vorwürfe.

Den Headquarters of Crocodiles kam nun aus Medien-Insiderkreisen zu Ohren, dass Rudolf Augstein immer noch den Ton angibt, wenn turnusmäßig die Urchristen beim Hamburger Nachrichtenmagazin ans Kreuz der Kritik geschlagen werden.

Eingefroren wie der Raumschiff-Kommandant in John Carpenters Low-Budget-Späßchen "Dark Star" (Trailer) liegt der "Spiegel"-Gründer in einem geheimen Trakt des "Spiegel"-Gebäudes tief unter der Erde. Wenn das Thema ansteht, muss ein leitender Redakteur sich dorthin begeben, durch endlose, von flackerndem Neonlicht beleuchtete Gänge schreiten und durch unzählige Schleusen steigen, bis er beim Kühlraum angelangt ist, Augsteins Bereitschaftszimmer für die Ewigkeit.

Nach der Eingabe eines Zahlencodes öffnet sich eine Klappe in der Wand, und Augsteins weißblau gefrorenes Gesicht kommt zum Vorschein. Unter den Eiskristallen regt sich nichts, aber über einen Lautsprecher kann der Redakteur zunächst ein Knistern vernehmen und später eine metallisch klingende, krächzende Stimme: "Es ist so kalt hier, so entsetzlich kalt ..."

Der Redakteur, der die Klagelaute nicht zum ersten Mal hört, unterbricht bald den Sermon: "Ja, schon klar, Herr Augstein, was mich aber auch interessieren würde: Nehmen Sie einmal an, Sie wären noch am Leben, was würde Ihnen dann für eine Jesus-Titelgeschichte einfallen?"

Sonntag, 3. Februar 2008

Berlin-Alamo: Ein Fall von Besessenheit

Ein unangenehmes Geräusch kriecht durch das Rattern der Tram der Linie M 10. Rüdiger auf dem Sitzplatz neben mir zerkratzt mit den brüchigen Fingernägeln seiner linken Hand die fleckige Haut seiner rechten. Danach umgekehrt.

Dass er Rüdiger heißt, konnte ich mit einem Blick auf den Behördenbrief erhaschen, der auf seinem Schoß liegt. Rüdigers Hände krabbeln wie aufgescheuchte Tierchen auf ihm herum. Wo sie auf Haut stoßen, krallen sie sich fest und beginnen zu schaben. Am Kopf angekommen, widmet sich seine rechte Hand der Frisur. Rhythmisch fährt sie durch sein gegeltes, schulterlanges Haar. Von dort wandert die Hand weiter zum Gesicht, das sie in einer unkoordinierten Massage zu einer Grimasse modelliert.

Zwischendurch wirft Rüdiger verstohlene Blicke in alle Richtungen, wie um zu sehen, ob sein Verhalten auffällt. Ich rutsche auf meinem Platz hin und her. Wie eine Marionette hänge ich an seinen fuchtelnden Händen. Um mich abzulenken, starre ich auf die Fensterscheibe neben uns. Das ist aber keine gute Idee. Denn dort ist Rüdigers Spiegelbild zu sehen. Wenn ich ihn dort sehen kann, kann auch er mich sehen. Ich möchte aber nicht, dass er sich beobachtet fühlt, ich möchte ihn nicht reizen.

An der Haltestelle Winsstraße steigt Rüdiger aus. Zwanzig Minuten Martyrium sind vorbei. Kurz darauf vibriert mein Handy in der Jackentasche. Ich versuche hineinzugreifen und das Ding herauszufischen. Es geling mir nicht – meine Hände zittern. Rüdiger ist gar nicht fort, er ist in mich hineingeschlüpft, er hat sich meine Hände wie Handschuhe übergestreift. Ein Packen Notizzettel, den ich anstelle des Handys ergriffen habe, rieselt zu Boden. Die Frau, die Rüdigers Platz eingenommen hat, sieht mich seltsam von der Seite an. Dann rückt sie von mir ab.

"Berlin-Alamo": Diese Blog-Serie ist eine Ästhetisierung des Unbehagens, eine bedingungslose Kapitulation, so politisch wie das Gefühl des Betrogen-worden-Seins nach dem Besuch eines Blockbusters im Multiplex-Kino. Der Titel ist geklaut: von einem Super-8-Film von Knut Hoffmeister von 1979, der wiederum den Sound des Durchhaltedramas mit John Wayne geklaut hat. Darin: West-Berlin, Neon-Dschungel, Martin Kippenberger mixt einen Drink, Polizisten vor dem "Pressecafé" am Bahnhof Zoo, Straßenkampf und Currywurst. In der "taz" hieße die Serie Berliner Szenen und wäre je Beitrag 30 Euro Honorar wert.

Montag, 28. Januar 2008

Bekenntnisse eines Amateurjournalisten

large office b/w

Nein, die Headquarters sind nicht verstummt, nur ein weniger leiser geworden – angesichts der Menge an Arbeit, und zwar bezahlter Arbeit, die mich in den vergangenen Monaten vom unbeschwerten Forschen und Schreiben im Web 2.0 abgehalten haben.

Berlin, die Arm-aber-sexy-Frontstadt, kennt auch hier nur Extreme, zumindest wenn man als Freelancer dem Medienproletariat angehört. Entweder gibt es über lange Strecken überhaupt keine Verdienstmöglichkeit, oder man ist voll eingedeckt, und zwar mit Arbeitszeiten, die jede Gewerkschaftsforderung wie Nachrichten aus Lummerland klingen lassen. Den Rest der Zeit ist man eben hirntot.

Die Unregelmäßigkeit der Beiträge in den Headquarters hatte aber auch davor schon Methode. Denn diese sollten nicht nach dem Prinzip vieler anderer Blogs verfasst sein, also als verlinkte Nachrichten und Artikel aus anderen Onlinemedien, die mit einem kurzen Kommentar versehen sind. An dieser Machart ist nichts auszusetzen, nur interessiert sie mich nicht so sehr. Stattdessen sollten hier in Abständen längere Texte zu lesen sein, einigermaßen gut recherchiert und unter Einhaltung dessen, was man als journalistische Standards bezeichnet. Also ein hübscher Arbeitsaufwand. Und das auch noch nicht mal für ein Taschengeld. Denn Werbung wird es hier in absehbarer Zukunft nicht geben.

Was für ein Wahnsinn, schreit da der freie Autor, der die Klinken von Redaktionen putzt, um für das Geld, das er monatlich braucht, genügend Geschichten loszuwerden. 200 Euro für 2000 Zeichen sollten doch drin sein, denkt er sich. Manchmal ist es mehr, öfters, insbesondere bei sogenannten alternativen Publikationen, ist es viel weniger.

Unbehagen über den "Amateurjournalismus" im Web 2.0 löst also nicht nur der "arme tagebuchmimetische Netzdreck" aus, von dem sich Dietmar Dath in einer Vorwegnahme der aktuellen Internet-Schelte seines ehemaligen "FAZ"-Chefs Frank Schirrmacher im Vorwort seiner Artikelsammlung "Heute keine Konferenz" (Suhrkamp, 2007) absetzt, um stattdessen die redaktionellen Filterungssysteme und etablierten Darstellungsformen sogenannter Qualitätszeitungen zu loben, an denen sich der jeweilige Autor dann reiben könne.

Nein, auch die Webseiten, die aufwendiger produziert sind, werden vom kleinen Schreiber auf der Straße mit Argwohn betrachtet: Schließlich sind sie Mitbewerber.

Das Web 2.0 ist offensichtlich keine ökonomiefreie Zone. Auch dort, wo im Internet keine kostenpflichtigen Angebote bestehen, gibt es ja den Konkurrenzkampf, der bekanntlich auf einer "Ökonomie der Aufmerksamkeit" beruht. Zeit ist knapp in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, daher überlegt sich der Informationskonsument, wie er diese am besten investiert und so weiter und so fort. Man kennt diesen Text seit Mitte der 90er-Jahre, nicht zuletzt aus ungezählten Interviews mit Georg Franck. (Ein Anspieltipp älteren Datums: "Prominente sind die Einkommensmillionäre in Sachen Aufmerksamkeit".)

"Einkommensmillionäre in Sachen Aufmerksamkeit" wird es im Web 2.0 wohl nie geben, dazu ist einfach zu viel am Markt, das wahrgenommen werden möchte – und dies mitunter auch verdient. Die Frage ist auch, ob es tatsächlich alle Blogger darauf angelegt haben, mit ihren Mitteln "berühmt" zu werden.

Am Anfang der Headquarters of Crocodiles standen jedenfalls zwei Wünsche: zum einen, mich mit dem Medium vertraut zu machen, zum anderen, eine Möglichkeit zu finden, jenseits der hirntötenden Medienbrotjobs das Schreiben und Denken in eigener Sache nicht zu verlernen. Und das hat auch ganz gut funktioniert. Die Ergebnisse sind allerdings nicht in erster Linie in der Form von Beiträgen im Blog gelandet, sondern als Ideen und Texte, die sozusagen als Nebeneffekt entstanden sind, auf meiner Festplatte.

Es ist zwar schön, dass Tag für Tag Surfer die älteren Texte des Blogs googlen und aufrufen, aber eine zu große Aufmerksamkeit wäre für meine oben beschriebene Arbeitsweise eher schädlich. Ich könnte mich dann versucht fühlen, nur noch das geweckte Leserinteresse zu bedienen – ein Erfolgsdruck, mit dem ein "Alphablogger" wie Robert Basic sicher zu kämpfen hat, auch wenn er diesen "Dienstleistungsgedanken" in einem Interview vor ein paar Monaten mit den Worten abgewinkt hat: "Auf so was kann nur ein Medienfuzzi kommen. Ich blogge einfach, was mich bewegt."