Mittwoch, 26. März 2008

Die frohe Botschaft: Kirchenkritiker konserviert für die Ewigkeit

Es sollte eine mathematische Formel geben, mit der man ermitteln kann, in welchen Rhythmen bestimmte Themen zum "Spiegel"-Titel werden: Hitler, Heuschrecken, Weltuntergang, der böse Ami, Generation soundso. Nichts zum Vorausberechnen gibt es aber, wenn christliche Feste anstehen, dann richtet sich das "Sturmgeschütz der Demokratie" verlässlich auf Jesus, Paulus und Co.

Die vergangene Osterausgabe des "Spiegel" titelte "Als Jesus noch ein Guru war", Verfasser ist Matthias Schulz, der sich 2006 mit seinem Weihnachtskracher "Das Testament des Pharao" (pdf) über die Entstehung des Monotheismus und das Gewaltpotenzial der jüdischen Religion gehörig in den Dornenstrauch gesetzt hatte. Von Antijudaismus bis Antisemitismus gingen damals die Vorwürfe.

Den Headquarters of Crocodiles kam nun aus Medien-Insiderkreisen zu Ohren, dass Rudolf Augstein immer noch den Ton angibt, wenn turnusmäßig die Urchristen beim Hamburger Nachrichtenmagazin ans Kreuz der Kritik geschlagen werden.

Eingefroren wie der Raumschiff-Kommandant in John Carpenters Low-Budget-Späßchen "Dark Star" (Trailer) liegt der "Spiegel"-Gründer in einem geheimen Trakt des "Spiegel"-Gebäudes tief unter der Erde. Wenn das Thema ansteht, muss ein leitender Redakteur sich dorthin begeben, durch endlose, von flackerndem Neonlicht beleuchtete Gänge schreiten und durch unzählige Schleusen steigen, bis er beim Kühlraum angelangt ist, Augsteins Bereitschaftszimmer für die Ewigkeit.

Nach der Eingabe eines Zahlencodes öffnet sich eine Klappe in der Wand, und Augsteins weißblau gefrorenes Gesicht kommt zum Vorschein. Unter den Eiskristallen regt sich nichts, aber über einen Lautsprecher kann der Redakteur zunächst ein Knistern vernehmen und später eine metallisch klingende, krächzende Stimme: "Es ist so kalt hier, so entsetzlich kalt ..."

Der Redakteur, der die Klagelaute nicht zum ersten Mal hört, unterbricht bald den Sermon: "Ja, schon klar, Herr Augstein, was mich aber auch interessieren würde: Nehmen Sie einmal an, Sie wären noch am Leben, was würde Ihnen dann für eine Jesus-Titelgeschichte einfallen?"

Sonntag, 3. Februar 2008

Berlin-Alamo: Ein Fall von Besessenheit

Ein unangenehmes Geräusch kriecht durch das Rattern der Tram der Linie M 10. Rüdiger auf dem Sitzplatz neben mir zerkratzt mit den brüchigen Fingernägeln seiner linken Hand die fleckige Haut seiner rechten. Danach umgekehrt.

Dass er Rüdiger heißt, konnte ich mit einem Blick auf den Behördenbrief erhaschen, der auf seinem Schoß liegt. Rüdigers Hände krabbeln wie aufgescheuchte Tierchen auf ihm herum. Wo sie auf Haut stoßen, krallen sie sich fest und beginnen zu schaben. Am Kopf angekommen, widmet sich seine rechte Hand der Frisur. Rhythmisch fährt sie durch sein gegeltes, schulterlanges Haar. Von dort wandert die Hand weiter zum Gesicht, das sie in einer unkoordinierten Massage zu einer Grimasse modelliert.

Zwischendurch wirft Rüdiger verstohlene Blicke in alle Richtungen, wie um zu sehen, ob sein Verhalten auffällt. Ich rutsche auf meinem Platz hin und her. Wie eine Marionette hänge ich an seinen fuchtelnden Händen. Um mich abzulenken, starre ich auf die Fensterscheibe neben uns. Das ist aber keine gute Idee. Denn dort ist Rüdigers Spiegelbild zu sehen. Wenn ich ihn dort sehen kann, kann auch er mich sehen. Ich möchte aber nicht, dass er sich beobachtet fühlt, ich möchte ihn nicht reizen.

An der Haltestelle Winsstraße steigt Rüdiger aus. Zwanzig Minuten Martyrium sind vorbei. Kurz darauf vibriert mein Handy in der Jackentasche. Ich versuche hineinzugreifen und das Ding herauszufischen. Es geling mir nicht – meine Hände zittern. Rüdiger ist gar nicht fort, er ist in mich hineingeschlüpft, er hat sich meine Hände wie Handschuhe übergestreift. Ein Packen Notizzettel, den ich anstelle des Handys ergriffen habe, rieselt zu Boden. Die Frau, die Rüdigers Platz eingenommen hat, sieht mich seltsam von der Seite an. Dann rückt sie von mir ab.

"Berlin-Alamo": Diese Blog-Serie ist eine Ästhetisierung des Unbehagens, eine bedingungslose Kapitulation, so politisch wie das Gefühl des Betrogen-worden-Seins nach dem Besuch eines Blockbusters im Multiplex-Kino. Der Titel ist geklaut: von einem Super-8-Film von Knut Hoffmeister von 1979, der wiederum den Sound des Durchhaltedramas mit John Wayne geklaut hat. Darin: West-Berlin, Neon-Dschungel, Martin Kippenberger mixt einen Drink, Polizisten vor dem "Pressecafé" am Bahnhof Zoo, Straßenkampf und Currywurst. In der "taz" hieße die Serie Berliner Szenen und wäre je Beitrag 30 Euro Honorar wert.

Montag, 28. Januar 2008

Bekenntnisse eines Amateurjournalisten

large office b/w

Nein, die Headquarters sind nicht verstummt, nur ein weniger leiser geworden – angesichts der Menge an Arbeit, und zwar bezahlter Arbeit, die mich in den vergangenen Monaten vom unbeschwerten Forschen und Schreiben im Web 2.0 abgehalten haben.

Berlin, die Arm-aber-sexy-Frontstadt, kennt auch hier nur Extreme, zumindest wenn man als Freelancer dem Medienproletariat angehört. Entweder gibt es über lange Strecken überhaupt keine Verdienstmöglichkeit, oder man ist voll eingedeckt, und zwar mit Arbeitszeiten, die jede Gewerkschaftsforderung wie Nachrichten aus Lummerland klingen lassen. Den Rest der Zeit ist man eben hirntot.

Die Unregelmäßigkeit der Beiträge in den Headquarters hatte aber auch davor schon Methode. Denn diese sollten nicht nach dem Prinzip vieler anderer Blogs verfasst sein, also als verlinkte Nachrichten und Artikel aus anderen Onlinemedien, die mit einem kurzen Kommentar versehen sind. An dieser Machart ist nichts auszusetzen, nur interessiert sie mich nicht so sehr. Stattdessen sollten hier in Abständen längere Texte zu lesen sein, einigermaßen gut recherchiert und unter Einhaltung dessen, was man als journalistische Standards bezeichnet. Also ein hübscher Arbeitsaufwand. Und das auch noch nicht mal für ein Taschengeld. Denn Werbung wird es hier in absehbarer Zukunft nicht geben.

Was für ein Wahnsinn, schreit da der freie Autor, der die Klinken von Redaktionen putzt, um für das Geld, das er monatlich braucht, genügend Geschichten loszuwerden. 200 Euro für 2000 Zeichen sollten doch drin sein, denkt er sich. Manchmal ist es mehr, öfters, insbesondere bei sogenannten alternativen Publikationen, ist es viel weniger.

Unbehagen über den "Amateurjournalismus" im Web 2.0 löst also nicht nur der "arme tagebuchmimetische Netzdreck" aus, von dem sich Dietmar Dath in einer Vorwegnahme der aktuellen Internet-Schelte seines ehemaligen "FAZ"-Chefs Frank Schirrmacher im Vorwort seiner Artikelsammlung "Heute keine Konferenz" (Suhrkamp, 2007) absetzt, um stattdessen die redaktionellen Filterungssysteme und etablierten Darstellungsformen sogenannter Qualitätszeitungen zu loben, an denen sich der jeweilige Autor dann reiben könne.

Nein, auch die Webseiten, die aufwendiger produziert sind, werden vom kleinen Schreiber auf der Straße mit Argwohn betrachtet: Schließlich sind sie Mitbewerber.

Das Web 2.0 ist offensichtlich keine ökonomiefreie Zone. Auch dort, wo im Internet keine kostenpflichtigen Angebote bestehen, gibt es ja den Konkurrenzkampf, der bekanntlich auf einer "Ökonomie der Aufmerksamkeit" beruht. Zeit ist knapp in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, daher überlegt sich der Informationskonsument, wie er diese am besten investiert und so weiter und so fort. Man kennt diesen Text seit Mitte der 90er-Jahre, nicht zuletzt aus ungezählten Interviews mit Georg Franck. (Ein Anspieltipp älteren Datums: "Prominente sind die Einkommensmillionäre in Sachen Aufmerksamkeit".)

"Einkommensmillionäre in Sachen Aufmerksamkeit" wird es im Web 2.0 wohl nie geben, dazu ist einfach zu viel am Markt, das wahrgenommen werden möchte – und dies mitunter auch verdient. Die Frage ist auch, ob es tatsächlich alle Blogger darauf angelegt haben, mit ihren Mitteln "berühmt" zu werden.

Am Anfang der Headquarters of Crocodiles standen jedenfalls zwei Wünsche: zum einen, mich mit dem Medium vertraut zu machen, zum anderen, eine Möglichkeit zu finden, jenseits der hirntötenden Medienbrotjobs das Schreiben und Denken in eigener Sache nicht zu verlernen. Und das hat auch ganz gut funktioniert. Die Ergebnisse sind allerdings nicht in erster Linie in der Form von Beiträgen im Blog gelandet, sondern als Ideen und Texte, die sozusagen als Nebeneffekt entstanden sind, auf meiner Festplatte.

Es ist zwar schön, dass Tag für Tag Surfer die älteren Texte des Blogs googlen und aufrufen, aber eine zu große Aufmerksamkeit wäre für meine oben beschriebene Arbeitsweise eher schädlich. Ich könnte mich dann versucht fühlen, nur noch das geweckte Leserinteresse zu bedienen – ein Erfolgsdruck, mit dem ein "Alphablogger" wie Robert Basic sicher zu kämpfen hat, auch wenn er diesen "Dienstleistungsgedanken" in einem Interview vor ein paar Monaten mit den Worten abgewinkt hat: "Auf so was kann nur ein Medienfuzzi kommen. Ich blogge einfach, was mich bewegt."

Mittwoch, 3. Oktober 2007

Free Burma!

Info about this action, statement by the HQ.

Montag, 1. Oktober 2007

Ein paar Klicks für ein freies Burma

Der Internet-Aktivismus gegen das burmesische Militärregime hat nun ein öffentliches Gesicht. Nach Beiträgen von BBC und CNN haben auch die deutschen Medien von "Süddeutsche Zeitung" bis ZDF Ko Htike entdeckt, einen in London lebenden Burmesen, der seinen Literatur-Blog in eine Plattform für Berichte, Fotos und Videos von der Protestbewegung und dem staatlichen Terror gegen sie verwandelt hat. screen_cnn_Ko_Htike

"One man and a laptop fighting to change a nation" (CNN-Bericht): Blog-Aktivist Ko Htike in seiner Londoner Wohnung.

In der vergangenen Woche hat sich auch die europäische Blogger-Szene ausgehend von einer italienischen Initiative zusammengerauft, um die Protestbewegung in Burma zu unterstützen. Dazu gab es eine Vielzahl von Vorschlägen. Eine "Schweigeminute", das heißt, ein Tag ganz ohne Posting, wurde diskutiert, dann aber verworfen, weil das außerhalb der Szene niemand so richtig mitbekommen hätte. Und auch der Vorschlag, jeder solidarische Blog-Betreiber sollte doch am verabredeten Tag einen Beitrag zu Burma ins Netz stellen, hat sich nicht durchgesetzt. Vielleicht weil die Befürchtung im Raum stand, es würde "sehr viel Krudes dabei rauskommen", wie es Blogger Soeren Onez in einem Kommentar auf Basic Thinking ausdrückt.

Sehr viel Vertrauen in den politischen Durchblick der Web-2.0-Szene scheint nicht vorhanden zu sein. Was nicht verwundert – angesichts einer politisch-moralischen und intellektuellen Verwahrlosung im Internet, die den Begriff "Wahrheit" gleichbedeutend mit gefährlichem Nonsens à la "9/11 was an inside job" von Verschwörungstheoretikern gemacht hat.

Mittlerweile steht so etwas wie ein narrensicherer Fahrplan, nach dem man sich als Unterstützer einfach richten kann. Auf der eigens eingerichteten "Free Burma"-Website heißt es dazu in einem Aufruf:

Blogger aus aller Welt bereiten einen Aktionstag zur Unterstützung der friedlichen Revolution in Burma vor. Wir wollen ein Zeichen für den Frieden setzen und den Menschen, die ihr grausames Regime ohne Waffen bekämpfen, unsere Sympathie bekunden. Diese Blogger haben vor, am 4. Oktober 2007 ihre normalen Blog-Aktivitäten einzustellen, um nur einen einzigen Artikel zu veröffentlichen: Ein rotes Banner mit dem Text "Free Burma!"

Wer an der Aktion teilnehmen möchte, kann also sein Blog auf einer Liste eintragen und dann auf dieser Website oder aus einem Flickr-Pool ein passendes, in karminroten Farbtönen gehaltenes Bild heraussuchen, das er dann am Donnerstag ins Netz stellt. Es stehen für die unterschiedlichen Geschmäcker jede Menge Designs zur Auswahl, von stylish über verspielt bis mönchisch.

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Demonstrierende Mönche in Rangun am 24. September, vor dem Eingreifen des Militärregimes (Fotocredit: Racoles).

Mit nichts außer ein paar Klicks ist man also dabei am internationalen Aktionstag. Und daran entzündet sich auch die Kritik in verschiendenen Foren. Von "Mitläufertum" ist da die Rede, und davon, dass sich auf einmal Leute für eine "gute Sache" starkmachen, die vor der Medienberichterstattung über die Proteste den Staat Burma auf der Weltkarte wahrscheinlich südöstlich von Entenhausen gesucht hätten. Also wieder einmal politische Betätigung aus dem Kaugummiautomaten: mit wenig Mühe und ohne Risiko zu bewältigen und, weil das Freund-Feind-Schema anscheinend so klar erkennbar ist, mit einem hohen Wohlfühlfaktor verbunden.

Das alles ist berechtigte Kritik. Doch was ist nun der Standpunkt der Headquarters zu der Aktion?

Auch für uns standen einige Fragen im Raum. Die naheliegende: Wissen wir überhaupt, was in dem Land wirklich los ist? Und: Wie viel Sympathie und Hoffnung haben wir für eine Protestbewegung, die von Mönchen getragen wird? Buddhistische Mönche sind ja everybody's darling hierzulande, schon weil autoritäre Strukturen gut bei westlichen Sinnsuchern ankommen, wenn diese nur schön spirituell und mit Armutsgelöbnis daherkommen. Ein korruptes Militärregime durch eine Mönchsrepublik zu ersetzen halten wir nicht für die Ideallösung. Zumindest haben die Mönche von Anfang an die politische Führungsrolle der Regimegegnerin Aung San Suu Kyi in der Oppositionsbewegung betont. Das sagte jedenfalls der Schriftsteller Amitav Ghosh in einem Interview der FAZ.

Eine weitere für uns wichtige Frage: Mit wem setzen wir uns eigentlich ins Boot, wenn wir am Aktionstag teilnehmen? Dass ein Free-Burma-Blogger wie Spiegelfechter auf seiner Seite ständig aktualisierte Informationen zur Lage im Land veröffentlicht, ist sehr lobenswert. Ansonsten sind dort politische Aussagen und Buchtipps zu lesen, die bei uns eher Grusel- denn Wohlgefühle auslösen.

Letzlich sind wir also bei den üblichen Bedenken angelangt, die immer dann aufkommen, wenn man sich überlegt, ob man auf eine Demonstration geht, an der sich Gruppierungen aus einem größeren politischen Spektrum beteiligen.

Dennoch werden sich die Headquarters of Crocodiles an der Free-Burma-Aktion am kommenden Donnerstag beteiligen.

flickr_racoles_burma_banner

Auch die Regierung hält sich ans Rot: Aufforderung ans burmesische Militär, offiziell "Tatmadaw" genannt, und an regimetreue Kräfte, die Proteste niederzuschlagen (Fotocredit: Racoles).

Auf eine säkulare Revolution in einem Land wie Burma zu hoffen, die dem eigenen politischen Reinheitsgebot entspricht, scheint uns auf alle Fälle erst mal vergebene Mühe zu sein. Und ohne die massive Beteiligung der Mönche wären die Proteste vermutlich schon von Anfang an im Keim erstickt worden.

Was jetzt zählt, ist die beste Form der "Fernstenliebe", nämlich Solidarität mit Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens gegen ein unerträgliches Regime aufbegehren. Um die sollte es in erster Linie gehen – die Debatte über die richtige politische Positionierung zum Konflikt ist dabei nicht unwichtig, sollte aber in der jetzigen Situation, wo das Regime mit Terror und Kommunikationssperre am Zug ist, hintangestellt werden.

Uns ist dabei klar, dass kein Pixel auf einer westlichen Website irgendeinen burmesischen Soldaten, der seine Befehle, aber wahrscheinlich nicht mal einen Internetanschluss hat, davon abhalten wird, in eine Menschenmenge zu feuern.

Aber Leute wie Ko Htike und die vielen nicht in den Medien genannten Aktivisten, die Informationen aus dem Land herausschmuggeln, werden hoffentlich dafür sorgen, dass die Kanäle auch umgekehrt funktionieren – damit die Leute in Rangun und sonstwo in Burma, die vom Internet abgeschnitten sind, mitbekommen, wie sehr ihr politischer Kampf außerhalb der Landesgrenzen Interesse und Sympathie findet. Ein Ausdruck wie "Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit" ist im Westen längst zu einem Schlagwort für sinn- und folgenloses Blabla und Betroffenheitslyrik geworden. Wer aber selbst in einem dieser Folterstaaten wie Burma ausharren muss, verbindet vielleicht andere, hoffnungsvollere Assoziationen damit.

Sonntag, 26. August 2007

Gegenspionage: Die nackten Tatsachen

Wir sind klein, aber unser Herz ist schmutzig. Deswegen schauen wir euch ganz genau auf die Finger, wenn ihr dies und das in die Tastatur hackt und dann in den Headquarters vorbeischaut. Zum Beispiel jenem Leser aus Riesa in Sachsen (der erste Sachse übrigens: Hallo, wie geht's!), der über die Google-Suchanfrage "Prussian Blue nackt" bei uns landete. Wir wollen mal hoffen, dass dieser werte Mensch auf der Suche nach der "nackten Wahrheit" oder den "nackten Tatsachen" hinter dem Treiben der 15-jährigen Nazi-Täubchen war. Ansonsten könnte man nämlich annehmen, dass Leute, die sich für Prussian Blue interessieren, sich auch für Kinderpornografie interessieren (wie das Amazon.de schreiben würde). Und das wäre doch mal wieder eine "Lüge der Systempresse", liebe Nationaldemokraten, oder?


Fotocredit: David Meyers, 1939, by courtesy of
Library of Congress, USA, Prints & Photographs Division

Mittwoch, 22. August 2007

Update Prussian Blue: Wie aus Tätern Opfer werden

Sachsen scheint sich in diesem Sommer zu einer Partyzone ganz besonderer Art zu entwickeln. Zwei Wochen nach dem von den Jungen Nationaldemokraten ausgerichteten rechtsradikalen "Sachsentag" in Dresden-Pappritz kam es in der Nacht zum vergangenen Sonntag in der sächsischen Kleinstadt Mügeln zu pogromartigen Auschreitungen gegen indische Migranten. Nach einem Streit in einem Festzelt jagten um die 50 vorwiegend jüngere Besucher einer "Altstadtparty" eine Gruppe von acht Indern durch die Straßen. Der Mob, der laut Zeugenaussagen fremdenfeindliche Parolen von sich gab, verfolgte die Gruppe bis zu einer Pizzeria und konnte nur durch ein massives Polizeiaufgebot von weiterer Gewalt abgehalten werden. Erinnerungen an die rassistischen Krawallnächte in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 wurden wach.

Fast auf den Tag genau vor 15 Jahren: Angriffe von Rassisten auf die Asylbewerber-Aufnahmestelle in Rostock-Lichtenhagen (Umbruch-Bildarchiv).

Dieser Vorfall ist Grund genug, noch mal zum Thema des vorigen Beitrags in den Headquarters of Crocodiles zurückzukehren. Darin ging es um die Zwillingsschwestern Lamb und Lynx Gaede, die in den USA unter dem Namen Prussian Blue zu Vorzeigegesichtern der "white pride"-Fraktion avanciert sind – und beim "Sachsentag" nebst NPD-Liedermacher Frank Rennicke aufgetreten sind.

Was wir in unserem Beitrag unter den Tisch gekehrt hatten, waren aktuelle Meldungen, dass sich die mittlerweile 15 Jahre alten "Nazi-Twins" anscheinend von dem Medienbild distanzieren, das ihre Mutter und Managerin April Gaede in Zusammenarbeit mit führenden Neonazis und Rechtsextremen in den USA für sie entworfen hat.

Anlass für diese Berichte über die "Entnazifizierung der Nazi-Twins" war die Reportage "Nazi Pop Twins" von James Quinn, die im vergangenen Monat vom britischen TV-Sender Channel 4 gezeigt wurde. Quinn durfte die Gaede-Familie seit Sommer 2006 ein ganzes Jahr lang besuchen, interviewen und filmen. Das Ergebnis sind Bilder, die uns die Gaedes hautnah erleben lassen sollen, eine Familie, die eher Vorstellungen von ländlicher Armut in den USA bis hin zu "white trash"-Klischees entspricht – und wenig an die Zuchtanstalten im wilhelminischen Deutschland denken lässt, in denen, wie Klaus Theweleit in seinem Faschismus-Klassiker "Männerphantasien" schreibt, mittels Rohrstock und Liebesentzug das Personal des künftigen Nazi-Regimes in Form gebracht wurde.

Nach James Quinns Urteil scheint April Gaede, die ihre Töchter nach gescheiter Ehe mit einem "Hasch rauchenden isländischen Stabhochspringer" (FAZ) allein erzogen hat, sogar eine gute Mutter zu sein – wäre da nicht dieser Wille, ihre Kinder für ihren politischen Aktivismus zu benutzen.

Und der hat neben dem Schlagzeilenruhm ganz erhebliche Konsequenzen für das alltägliche Leben der Gaedes. So war es die offen zum Ausdruck gebrachte Aversion der Einwohner von Bakersfield, Kalifornien, dem ursprünglichen Wohnort von April Gaede und ihren Töchtern, die sie zu einem Umzug veranlasst hat: offenbar nach Kalispell, Montana, wo sie laut ABC News schon mit Plakaten empfangen wurden, auf denen "No hate here" zu lesen stand.

Großvater und Familienoberhaupt Bill Gaede, der in der Reportage die Karikatur eines rassistischen Rednecks abgibt, trifft da lieber andere Vorkehrungen. Auf seiner Ranch in Fresno, Kalifornien, erzählt er beim Übungsschießen auf Blechdosen, dass er nicht nur auf "cans" abdrückt, sondern auch auf "Mexicans". Die Brandzeichen, die Bill seinen Rindern verpasst, haben selbstverständlich die Form von Hakenkreuzen. Großmutter Gaede, mit der Quinn eigentlich gar nicht sprechen sollte, beklagt dagegen in deutlichen Worten die soziale Isolation, in die sie die rechtsextreme Gesinnung ihres Mannes gebracht habe.

Videoclip zu Prussian Blues "Lamb Near The Lane". Der Songtext wurde von David Lane verfasst, dem kürzlich im Gefängnis gestorbenen Gründer der rechtsextremen US-Terrororganisation The Order.

Und dann sind da die Bruchlinien im professionell-familiären Verhältnis zwischen April Gaede und ihren Töchtern, die Quinn und sein Team mit der Kamera verfolgen, anscheinend in der Hoffnung, dass die Nazi-Twins, mit 15 nun in einem Alter, in dem Generationskonflikte eben ausbrechen, sich gegen die Progagandamaschine auflehnen, die ihre Mutter seit ihrer Kindheit um sie herum errichtet hat. Und tatsächlich: Die Mädchen nutzen in einer Szene die Abwesenheit ihrer Mutter, um zu erzählen, dass sie des Medienrummels überdrüssig seien.

James Quinn rückt in "Nazi Pop Twins" den Gaedes ziemlich nah auf den Leib. Die Intimität, die er dabei herstellt, hat in manchen Momenten fast etwas Pornografisches. Zumindest die Szene, in der der Filmemacher April Gaede ins Gebet nimmt, ihr seine Diagnose ins Gesicht sagt, die Anfeindungen, die sie erlebe und beklage, suche sie in Wahrheit selbst, um als "Märtyrerin" dazustehen, wobei er aus dem Off spricht, sozusagen als entkörperlichte, aber auktoriale Analytikerstimme, erinnert uns an eine Therapiesitzung.

Es gibt in der Reportage noch weitere Expeditionen ins Innenleben von April Gaede. Wie sie bereitwillig erzählt, scheint ein Grund für ihren Rassenfanatismus eine versuchte Vergewaltigung durch einen Afroamerikaner zu sein, die sie als Mädchen zu erleiden hatte. Ist das die Rechtfertigung? Oder etwa die Moral: Opfer machen andere zu Opfern. Ein ewiger Kreislauf des Missbrauchs und der Gewalt. Auch in den Headquarters mussten wir ob dieser universellen, allzu menschlichen Erkenntnis, die Quinns Film als Erklärungsmodell anbietet, mit den Krokodilstränen kämpfen.

Wir wagen die Annahme, dass sich jede auf Hass gegründete Gemeinschaft, Bewegung und Organisation aus traumatisierten, verstörten oder irregeleiteten Individuen zusammensetzt. Mit gesellschaftlich antrainiertem Therapeutenblick sieht man in ihnen nur noch Opfer und denkt zuerst, wie denn diesen armen Menschen zu helfen sei. So gesehen gibt es keine realen politischen Akteure und keine politischen Strukturen mehr, in denen diese aktiv werden, in denen sich ihre Kräfte addieren, es gibt nur noch Einzelfälle, Schicksale, Krankenakten – Handlungsbedarf für Sozialhelfer, Psychologen und Kliniken.

Das ist die eine Perspektive. Die andere, die politische, interessiert sich eher dafür, was diese Individuen, Gemeinschaften, Bewegungen und Organisationen tun. Was also ihre Handlungen bedeuten, und was diese anrichten, ob es sich dabei nun um tatsächliche Gewalt handelt oder um symbolische. Zum Beispiel ein Auftritt bei einem rechtsradikalen Sommerfest der NPD-Jugendorganisation, der wahrscheinlich nicht direkt ursächlich mit der entfesselten Mobgewalt in Mügeln zu tun hat, aber zur Stimmung beiträgt, in der solche Ausschreitungen möglich sind. Und das unabhängig davon, ob sich die Protagonisten, in diesem Fall Prussian Blue, noch vollkommen mit dem Medienbild identifizieren, das sich um sie geschlossen hat, oder nicht. Sie funktionieren und spielen ihre Rolle weiterhin zur Zufriedenheit der rechten Szene, sie stellen ihre Kreativität in den Dienst der Unfreiheit, des Hasses und der schlechten Identitätsfindung, und das ist die Hauptsache.

Die Headquarters erinnern sich in diesem Zusammenhang an eine Podiumsdiskussion der Berlinale von 2002 unter dem Titel "Reality Frame", bei der sich Slavoj Zizek zu einer Filmreportage aus deutscher Produktion äußerte, die das problematische Verhältnis eines jugendlichen deutschen Neonazis zu seiner Mutter beleuchtete, um derart dessen Rechtsradikalismus zu erklären. Der slowenische Kulturkritiker und Lacan-Interpret betrachtete diese Darstellungsstrategie als misslungen und meinte dazu (sinngemäß): Das Persönliche, das Menschliche, die Intimität bilden die Maske – dahinter verbirgt sich das wahre Gesicht: die politische Funktion.

Ein Film wie "Nazi Pop Twins", der das Anliegen seines Regisseurs transportieren soll, die psychologische, menschliche Wahrheit hinter den Medienbildern und politischen Inszenierungen von Prussian Blue darzustellen und dabei die vielfache Vernetzung April Gaedes mit der rechtsextremen Szene in den USA nicht ins Bild setzt, betreibt daher Realitätszertrümmerung. Als Reportage ist er somit gescheitert.

Donnerstag, 16. August 2007

Prussian Blue: Endkampf im Dirndl

"Was mich nicht umbringt, macht mich nur härter" – Nietzsches Slogan für ein gefährliches Leben scheint auch die Freunde rechtsradikalen Singsangs zu motivieren. Dass Neonazis musikalisch nicht an vorderster Front dabei sind, ist nichts Unbekanntes, rumpeln ihre Lieblingsbands wie Endstufe oder Störkraft doch noch immer durch den Schrotthaufen, den Punkrock und Oi hinterlassen haben.

Bekannt wurden Prussian Blue hierzulande Ende 2005 unter anderem durch dieses Foto, für das die damals 13-Jährigen keck mit Onkel Adolf auf dem T-Shirt posierten. (Quelle: Metapedia) Aber der klägliche Folkrock-Sound des amerikanischen Mädchenduos Prussian Blue müsste für den braunen Kameraden, der bei TobWütBrüll in der Moshpit seinen wackeligen Charakterpanzer aufzurüsten versucht, schon an "Wehrkraftzersetzung" grenzen. Dennoch waren die "Nazi Pop Twins", so der Titel einer Channel-4-Dokumentation über sie, auf Sommerfesten der NPD dieser Tage als Headliner ausgerufen. Am 4. August spielten sie beim von den Jungen Nationaldemokraten angemeldeten "Sachsentag" in Dresden-Pappritz (siehe "Jungle World"-Bericht) und eine Woche später, am 11. August, beim "Sommer- und Familienfest der NPD Saar" in Rehlingen-Siersburg.

Die Zwillingsschwestern Lynx Vaughan und Lamb Lennon Gaede, geboren am 30. Juni 1992, die hinter dem Duo stehen, dienen den Rechtsradikalen in den USA als hübschen Goldkehlchen, die vom Bonehead-Image von Teilen der sonstigen Gefolgschaft ablenken sollen. Unter der Regie ihrer Mutter April Gaede, die auch zum Teil die Schulerziehung in Eigeninitiative durchgeführt hat (und wahrscheinlich auch die ideologische Indoktrination), durften die beiden die Bekanntschaft einiger illustrer Gestalten der internationalen rechten Szene machen.

Holocaustleugner, Ku-Klux-Klan-Führer, Rassenkriegfantasten: Zu süßen Mädchenstimmen hasst es sich einfach besser.

David Duke, ehemaliger Ku-Klux-Klan-Führer in Louisiana, Autor antisemitischer Verschwörungstheorien, Teilnehmer der sogenannten "Holocaust-Konferenz" in Teheran im Dezember 2006 und rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe verurteilter Steuerbetrüger, hat die Mädchen als Vorband für seine eigenen Auftritte eingesetzt. Und der Brite David Irving kam Ende 2006, frisch aus der Haft entlassen, bei den Gaedes vorbei – er hatte in Österreich wegen der Leugnung der Vernichtung der europäischen Juden 13 Monate von drei Jahren Gefängnisstrafe absitzen müssen.

Zu Irvings "geschichtsrevisionistischen" Ansichten passt es, dass der Name des Duos, Prussian Blue, nicht nur die Abstammung der Gaedes von deutschen Einwanderern repräsentieren soll. Nein, er soll auch noch, wie eine von den beiden in einem Interview dem "Vice Magazine" sagt, einen, nun ja, Denkanstoß geben. "There is also the discussion of the lack of 'Prussian Blue' coloring (Zyklon B residue) in the so-called gas chambers in the concentration camps. We think it might make people question some of the inaccuracies of the 'Holocaust' myth." Teenies, die nicht nur auf Spaß aus sind, sondern auch mal nachfragen – schade, dass Opa das nicht mehr erleben darf.

Half den Twins auf die Sprünge: William L. Pierce (1933–2002), US-Neonazi-Autor und Gründer der National Alliance (YouTube-Video-Screenshot).

Ein Nazi-Opa ohne Wehrmachtsvergangenheit, aber mit der rechten Gesinnung, hat jedoch ganz genau aufgepasst, als er die Zwillinge auf einer Bühne sah: William Luther Pierce (1933–2002). 2001 war das, beim "Eurofest", einer Veranstaltung der amerikanischen rechtsextremen Organisation National Alliance, die der ehemalige Physikprofessor Pierce, ein selbst erklärter Nationalsozialist, Mitte der 70er-Jahre gegründet hatte. Die volkstümlich aufgebrezelten Gaede-Kinder trällerten dort, wie Aaron Gell in einer Reportage für die US-"GQ" (März 2006) schreibt, eine A-capella-Version des Songs "Ocean Of Warriors" der britischen Neonazi-Band Brutal Attack ("Ready to kill with their fists of steel, ready to fight to cure our nations ills, white resistance has risen ..."). Und Pierce erkannte in ihnen – jung, hübsch, blond, blauäugig, in Dirndln – "a PR dream come true".


Jung, hübsch, blond, blaue Augen, im Dirndl – Prussian Blue sind die PR-Wunderwaffe der US-Neonazis:
"Ethnic cleansing's hottest act." (GQ)


Pierce war der Kontakt zur rechtsextremen Szene, der die Karriere von Prussian Blue unter der Ägide ihrer ehrgeizigen Mutter ins Laufen brachte. Beim Plattenlabel Resistance Records der National Alliance kamen, als die Nazi-Popper halbwegs ihre Instrumente beherrschten, die Alben "Fragment Of The Future" (2004) und "The Path We Chose"(2005) heraus, und die transatlantischen Beziehungen der US-Rechtsextremen zu den Kameraden von der NPD (die NA organisierte während des NPD-Verbotsantrags des deutschen Bundestages in den USA Solidaritätsdemonstrationen, Pierce selbst kam zu NPD-Veranstaltungen nach Deutschland) haben Prussian Blue nun auch hierzulande ein Standbein verschafft. Nicht nur durch die Auftrittsmöglichkeiten bei Sommerfesten der Rechtsradikalen, das NPD-Organ "Deutsche Stimme" hat auch 2006 den Vertrieb des Prussian-Blue-Albums "For The Fatherland" in Europa übernommen. Auf dem finden sich die Songs der Veröffentlichung von 2005, abzüglich von drei Liedern, die von der "oppressive German government" indiziert wurden, wie es in dem mittlerweile stillgelegten Blog http://prussianbluefan.blogspot.com hieß.

William Pierce wurde für seinen "großmütigen" Einsatz die ganz besondere Ehre zuteil, im Text des Prussian-Blue-Songs "Sacrifice" als Vorkämpfer der "weißen Rasse" gelobt zu werden – Seit' an Seit' mit Rudolf Heß, "man of peace". Eher weniger friedlich geht es aber in den "Turner Diaries" zu, einem abstoßenden rassistischen und antisemitischen Machwerk, das Pierce 1978 unter dem Pseudonym Andrew Macdonald veröffentlicht hat. Darin nimmt er fiktional eine "weiße Revolution" in den USA vorweg, bei der ein eliminatorischer "Rassenkrieg" mit einem Atomschlag auf "Jewish New York" gekrönt wird.


Visionen vom Endkampf götterdämmern durch die Songtexte. Nach dem blutigen Sieg geben die blonden Mädels mit der Fiedel der Natur den letzten Rest.

Auch die Songs von Prussian Blue durchwabern apokalyptische Visionen vom Endkampf. So heißt es in den Lyrics von "Victory Day": "Soon will come a great war, a bloody but holy day. And after that purging our people will be free, and sing up in the bright skies, a sun for all to see." Im dazugehörigen Video malträtieren die Zwillinge in hübschen Kleidchen oder als lebendig gewordene BDM-Fantasien mit Fiedel und Klampfe die wehrlose Natur. Mit dabei: das dritte Gaede-Schwesterlein, das sinnigerweise (und in einem Akt mütterlicher Grausamkeit) "Dresden" getauft wurde – und als Wonderkid der "arischen Rasse" schon im Kleinkindalter einen Blog führt.

Weniger vom letzten Gefecht, mehr vom als erniedrigend empfundenen tagtäglichen Kampf mit den eigenen Drüsen, Säften und klebrigen Gedanken handeln viele der Kommentare der national Bewegten, die man auf Altermedia, dem unbeholfenen rechtsradikalen Pendant zur linken Plattform Indymedia, unterhalb des Postings zum "Sachsenfest" findet. "Pöööhse Gedankengänge, gesteuert aus unterer Etage", wie ein Leser namens "Olsen" bekennt. Anlass der Debatte: Ein ungenannter "Kamerad" hat sich tatsächlich mit den mittlerweile nicht mehr so grazilen, aber immer noch minderjährigen Blondinen von Prussian Blue ablichten lassen, wobei er in Big-Daddy-Pose seine Arme um die armen Geschöpfe legt. Ein Kommentarschreiber befürchtet, dass den Nationaldemokraten daraus ein weiterer Imageschaden erwachsen könnte. Hat doch im November 2006 der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Matthias Paul sein Mandat niedergelegt, als bekannt wurde, das gegen ihn wegen des Besitzes von Kinderpornografie ermittelt wird.

Mittwoch, 1. August 2007

Was uns nicht retten wird: Der Mensch an sich

Wohliges Frösteln aus der guten alten Zeit des Kalten Krieges: Clip zu Stings "Russians" (1985)

"What might save us, me and you, is if the russians love their children, too", sang Erwachsenenpopper Sting in den 80ern und gab damit der Hoffnung Ausdruck, dass in den Funktionsstellen der hochgerüsteten politischen Machtblöcke in Ost und West ganz normale Menschen sitzen wie du und ich, mit ihren Nöten, Ängsten, Freuden und ihrem Anspruch, ein ganz normales Leben zu führen – und ihren Kindern ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen.

Die atomare Weltuntergangsmaschine erschien dagegen als ein technisch-ideologisches System, dessen fatale Logik die Interessen des kleinen Rädchens, das es am Laufen hält, übersteigt. Diesem aber auch äußerlich ist. "We share the same biology, regardless of ideology" (Sting): Da, wo wir nackt sind, können wir uns die Hände reichen.

Wenn wir uns doch nur alle ungepanzert und unbewaffnet an einem Sommernachmittag auf einer Wiese treffen könnten. Vom Grill käme Landestypisches, Iwan würde uns Wodka einschenken und mit augenzwinkernder Freude an unserem mitgebrachten Bud light nippen. Und unsere Kinder würden zusammen durch die Büsche tollen.

Dieses idyllische Bild wirkt nicht nur heute – nach der Erklärung eines Weltbürgerkrieges und der Konfrontation mit total "entmenschten" Massenmördern aus den Lagern des Dschihad (die, wir wissen es aus tausend und einem Artikel, ihren Kindern vor allem eines wünschen: Märtyrer zu werden, das heißt, ihr Leben im Namen der Unfreiheit zu opfern) – naiv, es war es damals schon.

Denn: Was die Insassen der Konzentrationslager des Nazi-Regimes nicht retten konnte: dass ihre Bewacher versuchten, ein ganz normales Privatleben in der Hütte nebenan zu führen – mit rosigen Kinderwangen und dem Schweinebraten am Sonntag.